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Gespräch über „Die Irre“ – Jan Müller-Wielands neue Kammeroper

Die Vorbereitungen zur Uraufführung von Jan Müller-Wielands neuer Oper „Die Irre oder nächtlicher Fischfang“ am 28. September 2005 an der Oper Bonn/Bundeskunsthalle (im Rahmen des Beethovenfestes Bonn) laufen auf vollen Touren. Im Vorwege traf sich der Komponist mit dem Bonner Dramaturgen Martin W. Essinger zu einem Interview. Wir zitieren daraus:

Essinger: Ihr neues Bühnenwerk DIE IRRE ist ein Musiktheater über die Ursachen der Entstehung von Gewalt, ein Thema, das heute brennend aktuell ist. Allerdings gab Ihnen ausgerechnet die skurril-bedrohliche Komik dreier Figurensammlungen des Künstlers Thomas Schütte die Grundidee dazu. Weshalb?

Müller-Wieland: Der Schütte war zuerst da. 1992 war Thomas Schütte mein Atelier-Nachbar in der Villa Massimo. Seine kleinen Porträt-Aquarelle oder fast Cartoons, welche er damals skizzierte, waren sehr komisch und skurril. Viele Jahre später riet ich Micaela von Marcard, sich eine Ausstellung von seinen Figurinensammlungen in München anzuschauen, und sie fand das genauso toll wie ich. Da Micaela knapp und klar Texte schreibt und ich sie von ihrer Chefdramaturgiezeit an der Lindenoper gut kannte, weil sie meine Lorca-Oper „Komödie ohne Titel“ dort bestens betreut hatte, lag es für mich nahe, sie einfach mal ins Blaue zu fragen, ob sie anhand von Schütte auf Musiktheaterszenerien kommen könnte. Eines Tages wurde sie in Berlin Charlottenburg plötzlich von zwei Typen aus dem Nichts heraus niedergeschlagen, als ob zwei dieser Schütte-Figurinen sie überrumpelt hätten. Da hat sich für uns eine Verbindung angedeutet zwischen Fantasie und Alltag.

Essinger: Das Thema Gewalt ist heute allgegenwärtiger denn je. Gewalt und Gewaltdarstellung auf der Bühne kann leicht komisch wirken. Sind Sie deshalb von vornherein dieses wichtige Gegenwartsproblem nicht ernst, sondern locker-ironisch angegangen und haben eine kabarettistisch-distanzierte Darstellungsform, also eine sehr unterhaltsame Ebene gewählt?

Müller-Wieland: Das Wort Unterhaltung ist sehr interessant! Darin liegt Haltung und Unter. Unter was? Ich verstehe das so, dass eine Haltung künstlerisch unterwandert wird. Meinetwegen Gewalt. Aber was soll das im Theater sein? Sex, Gewalt und Hunde sind auf der Bühne meistens peinlich, weil jeder das mit dem Sex und der Gewalt besser weiß und kennt. Dafür sind aber die allegorischen Anforderungen an diese Peinlichkeiten umso höher. Irritationschiffren müssen eingeführt werden. Auflockerungen. Ausweitungen. Entfremdungen. Erst dann kann man etwas erkennen. Ich denke oft an Ives Kleins totalblaue Chrombilder. Nirgendwo kann man Blau so plastisch, haptisch spüren wie bei ihm, aber man kann es nicht erkennen, weil es keine andre Farbe gibt. Man hat keinen Abstand, ist IM Blau. Wenn er auch nur einen Millimeter von einer anderen Farbe drin hätte in seinen Bildern, würde man Blau erkennen, aber das wäre dann etwas übertrieben gesagt peinlich.

Essinger: Wenn man das Libretto von Micaela von Marcard liest, fällt auf, dass kaum ein vollständiger Satz vorhanden ist. Alles ist nur Andeutung, es herrscht eine fast ständige Sprachnot und Sprachlosigkeit. Ist für Sie auch eine der Ursachen für Gewaltentstehung in unserer Gesellschaft, dass Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren können?

Müller-Wieland: Also wenn ich Sie jetzt gleich verprügeln würde, könnte ich währenddessen nicht Adorno zitieren. Micaela und ich haben mehrere Codes, wo wir uns treffen. Beckett ist ein Lieblingscode. Monthy Python ist komischerweise kein Code für uns. Ich liebe Monthy Python, und bei Micaela fährt da der Zug drüber. Als Musiker schwebt mir immer eine andre Kommunikation und Sprache vor. Etwa eine, über die man nicht sprechen kann. Eine, die man auch nicht sehen kann, die nur in der Luft liegt. Bei Vokalwerken kommt dann durch den Kompromiss mit dem vertonten Wort die von Ingeborg Bachmann so wunderbar genannte „neue Würde“ hinzu und dann könnte das Schiff eventuell zum Luftballon werden, zum Vogel. Ich glaube, das Komponieren, das Erfundene-Noten-Aufschreiben, hat viel mit Flugsucht zu tun.

Essinger: Ihr neues Musiktheater trägt den Titel DIE IRRE oder NÄCHTLICHER FISCHFANG. Können Sie etwas genauer erzählen, wie es zu diesen Titeln kam und was Sie im Zusammenhang mit dem Thema Gewalt bedeuten?

Müller-Wieland: Ich habe für die Expo 2000 ein kleines Stück für Sopran und Klavier gemacht nach einem Gedicht einer Züricher Nonne. Ihr Autorinnenname ist Silja Walter. Das Gedicht heißt „Tänzerin“. In Silja Walters Gedichten geht es meist um die Egozentrik einer einsamen Frau, welche mit geringsten Mitteln sich ihr Leben verzaubern möchte. Ein Gedicht heißt sogar „Die Irre“. Als circa drei Jahre später Micaelas erste Textseiten im Laptop auftauchten, dachte ich sofort an diese Irre, wobei Micaela und ich aber auch die Irre als Ortschaft meinen. „Nächtlicher Fischfang bei Antibes“ heißt ein frühes Bild von Picasso. Da taucht ein Junge ins Wasser. Fische umkreisen ihn. Vielleicht ertrinkt er. Vielleicht kann er schwimmen. Auf griechisch heißt Fisch Ichthys. Das Wort Ich liegt also im griechischen Fisch...übrigens: Bitte verzeihen Sie, dass ich so stur nicht auf Ihre Gewalt-Erwähnungen antworte. Ich umgehe sie. Ich umgehe sie auch in der Partitur. Sie sind nicht festgeschrieben. Liegen nicht auf der Hand.

Essinger: In 38 knappen, alptraumartigen Szenen rollt Ihr Musiktheater ab. Um welche Figuren geht es darin, wie stellen Sie diesen Gewaltwuchs dar und wie wird dieser von Ihnen musikalisch gezeichnet?

Müller-Wieland: Es geht um Mann, Frau, um ein Mädchen, vielleicht eine Tochter von Mann und Frau, es geht um eine Zunahme von Popanz-Figurinen wie in den Sammlungen „Alte Freunde“, „United Enemies“ und „Neue Geister“ vom Schütte. Ich habe mit Micaela keinen Plot abgesprochen, weil ich wusste, zuviel Gerede und Vorgaben stören kreative Leute. Ich wusste, dss ich mich auf sie verlassen kann. Das heißt, dass etwas bei ihr per Libretto erscheint, was vom MUSIKtheater her aus gedacht ist, was mit unserem Dasein zu tun hat bzw. daraus hervorgeht und was unprätenziös und unbedeutungsschwanger daherschlendert.

Essinger: Wie verbinden Sie die kurzen Szenen miteinander, um ein einheitliches Bühnenwerk zu gestalten, und gibt es so etwas wie leitmotivische Verknüpfungen?

Müller-Wieland: Zwischen den Szenen sind instrumentale Aphorismen gesetzt. Diese kann man als Umbaumusiken nutzen oder es lassen. Als Aufbrechungen und Aufmischungen sind sie auch gemeint. Es gibt tatsächlich kleine Leitmotivfloskeln. Sie sind allusionär und schnipselhaft. Da gibt es ein Sechzehntelmotivchen auf die Silben Di, Del, Du und Del, welches quasi aus der Königin-der-Nacht-Arie der Zauberflöte zu kommen scheint. Ich drücke es so aus, weil ich beim Schreiben erst bemerkt habe, dass dieses Motivchen richtig leitend wird und doch nie ein tatsächliches Mozart-Zitat ist. Es wird aber so erkannt werden, denke ich ... Möglicherweise ist das eine Nachwirkung und Aufarbeitung gewesen von meinem Hiob-Stück „König der Nacht“ von 2003. Dann gibt es eine punktierte Triole aus dem Walkürenritt. Das wird man nicht recht überhören können. Wagner ist bei mir von Grund auf schon angeschlagen angekommen, denn bevor ich seine Musik richtig kannte, hatte ich „Das Judentum in der Musik“ von ihm gelesen. Dadurch habe ich bis heute das Problem, dass ich beim Wagner-Musik-hören immer den höchsten Rang der Wiener Staatsoper mit dem achtzehnjährigen Hitler sehe, welcher nach der Vorstellung „Bravi“ oder besser „GGGRRROOOOOßßßARTIG“ dem Dirigenten des Abends, GMD Mahler, zuschreit. Das ist eine Assoziation, in die ich mich verstiegen habe. Dann gibt es ein Motivlein mit den Silben Bim und Bam. Das ist ein Wink an die 3.Symphonie Mahlers bzw. an das Mahler-Lied „Es sungen drei Engel“.

Essinger: Wie lange reicht der Entstehungsprozess des Werkes (von den ersten Entwürfen an) zurück, und sind Sie bei der Komposition dieses Werkes anders als bei Ihren anderen Bühnenwerken herangegangen?

Müller-Wieland: Es war insofern anders, weil wir lange erst mal ins Blaue gegrübelt haben. Dieser Prozess war ungefähr von 2001 bis 2003. Schließlich hat sich die Bonner Oper konkret für den Stoff interessiert. 2004 habe ich dann komponiert, habe danach alles beiseite gelegt um Abstand zu bekommen, habe dann alles wiederhervorgeholt und korrigiert.

Essinger: Plaudern wir noch ein wenig aus der Werkstatt: Das Motto des Werkes ist ein Zitat aus Franz Schuberts Winterreise: „Lass irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus.“ Was hat Schubert mit diesem Werk zu tun, welche Einflüsse Schuberts gibt es darin, und gibt es noch weitere Komponisten, die hier ihre Anregungen und Spuren hinterließen?

Müller-Wieland: Es gibt von Tolstoi „Herr und Knecht“. Es gibt von Thomas Mann „Herr und Hund“. Es gibt von Tabori „Hund und Herr“. Das hat mit meinen Hunden in der Irren etwas zu tun. Tabori ist mir wichtig. Besonders durch meine Tabori-Oper „Nathans Tod“ von 2001. Von Henze weiß ich, dass die Italiener Mussolinis Geburtshaus nach dem Faschismus umfunktioniert haben in ein Hundeheim für entlaufene, herrenlose Hunde. Ich habe mir das in Rom mal angesehen. Es ist irre. Das Herrenlose, Straßenhafte umtreibt mich als Metapherraum. Darum liebe ich z.B. Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ und seine „Pulcinella-Suite“. Schubert und Mahler sind in meinem Leben zwei Milchstraßen. Dafür habe ich keine Wörter.

Essinger: Sie haben Die IRRE für das Ensemble Musikfabrik NRW geschrieben. Hat sich dies auf die Gestaltung des Orchesterpartes ausgewirkt?

Müller-Wieland: Subkutan sicher. Das ist ein tolles Ensemble. Nach Abgabe der Partitur erhielt ich von der NRW-Musikfabrik den höflich formulierten Kommentar: „Kein Problem.“ Also wir werden sehen. Mir ist jedenfalls wichtig, nicht mehr einen Zeigen-was-ich-kann-Stil zu veröffentlichen, sondern mit Lakonie zu arbeiten.

Müller-Wieland: Noch eine letzte Frage: Die Gesamtanlage des Werkes ist nicht düster und bierernst, sondern unterhaltsam-kabarettistisch, wie ein surrealer Alptraum.

Essinger: Können Sie kurz umreißen, wie Sie den lockeren, leichten Duktus erreichen und was der Zuhörer musikalisch von Ihrem neuen Werk zu erwarten hat?

Müller-Wieland: Ist bierernst düster? Ich weiß nicht, was der Zuhörer zu erwarten hat. Ich habe das Stück noch nie gehört. Es ist wichtig, dass ich jetzt keinen Guide ausposaune. Ich bin nur für das Erfinden zuständig. Nicht für das Erklären oder Rechtfertigen.