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Hindemith und Hesse zu Ehren: Die europäische Erstaufführung von Lera Auerbachs Cello-Sonate

Zusammen mit Sonia Wieder-Atherton, Violoncello, bringt die Komponistin anlässlich der Paul-Hindemith-Preisverleihung im Schloss Reinbek (bei Hamburg) am 11. August ihre erste Cello-Sonate zur europäischen Erstaufführung. Die Autorin selbst sagt zu diesem 2002 komponierten Werk:

„Ich begann meine Arbeit an diesem Werk, als ich Hermann Hesses Roman ‚Demian’ las. Obwohl Sonate und Roman nicht in direkter Verbindung stehen und die Sonate nicht programmatisch ist, mag etwas von Hesses Bildersprache in die Musik hinein geraten sein, besonders im 1. Satz (Allegro moderato), bei dem ich mir einen Tanz des geheimnisvollen Gottes Abraxas vorstellte, der sowohl das Gute als auch das Böse in sich vereint. Wie in meiner gesamten Kammermusik, ist auch in dieser Sonate das Klavier ein gleichberechtigter Partner und so gut wie nie nur eine Begleitung. Die Instrumente verkörpern oft, wie in einem Drama, verschiedene Rollen oder Charaktere, auch wenn sie gleichzeitig spielen. Manchmal ist diese Koexistenz ein Dialog, gelegentlich ein Kampf, zuweilen ein Versuch, auf innere Fragen zu antworten.

Die Sonate beginnt mit Soli beider Instrumente, wobei das Klavier eine dunkle, ausweglose und furchterregende Aussage vermittelt mit einer inneren Spannung, die bereits in seinem Tonmaterial präsent ist, und das Cello ein eher menschliches, verzweifeltes und klagendes Solo vorträgt. Das rufartige Motiv im Cello zu Beginn der Sonate wird im weiteren Verlauf zu einem Leitmotiv. Die Einleitung mündet in einen dunklen, merkwürdigen Walzer im 5/4-Takt - als seien Schatten aus der Tiefe der Vergangenheit hervorgekommen. Das zweite Thema ist sowohl träumerisch als auch leidenschaftlich und endet in einem trocken gestalteten Fugato.

Diese Art der Gegenüberstellung der Instrumente ist auch im 2. Satz (Adagio) vorhanden, in dem das Klavier einen lapidaren, gleichmäßig voranschreitenden Choral vorträgt, während das Cello einen klagenden Monolog hat, frei und zutiefst menschlich.

Der 3. Satz (Allegro assai) ist eine Toccata mit ungestümen Synkopierungen und obsessiver Energie. Der letzte Satz ist eines der intensivsten und tragischsten Musikstücke, die ich je geschrieben habe. Er beginnt auf einem hochemotionalen Punkt - das Cello spielt mikrotonale Triller, die eher wie ein extrem intensives Vibrato wirken sollen. Das Bild, das mir dabei vorschwebte, ist der Moment im Leben, wo man am Rande eines Abgrundes steht, wenn von Vergangenheit und Zukunft nichts übrig geblieben ist und man mit seiner zitternden Seele allein dasteht. Aber durch diese Dunkelheit und Tragik schimmert auch ein inneres Licht hindurch. Zuweilen kann man im Schmerz verlorene Schönheit und tiefere Bedeutung finden, und ein Gefühl der Tragik kann gelegentlich von Schmerzen der Seele befreien. Am Ende steigen beide Instrumente in atemberaubende Höhen empor, als wollten sie in eine andere Existenzform übergehen.

Den größten Teil dieser Sonate habe ich während meines Aufenthaltes am Virginia Center for the Creative Arts im Sommer 2002 als Composer in residence geschrieben. Die Sonate Nr. 1 für Violoncello und Klavier ist David Finckel und Wu Han gewidmet. Sie ist ein Auftragswerk des Hancher Auditoriums (Universität Iowa) und der Konzertreihe ‚Music in the Park’, St. Paul, Minnesota.“