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Lera Auerbach spricht in „DIE WELT“

Anlässlich der Paul-Hindemith-Preisverleihung am 11. August im Rahmen des Schleswig-Holstein Musikfestivals sprach Ilja Stephan mit der Komponistin, Pianistin und Dichterin Lera Auerbach. Der Beitrag ist unter dem Titel „Ein Hohelied auf die tonale Musik – Die russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach im Streitgespräch über Authentizität und ewige Wiederholung“ in der Tageszeitung „DIE WELT“ vom 8. August erschienen. Hier einige zentrale Aussagen der Komponistin:

DIE WELT: Der Hindemith-Preis ist in den Vorjahren an Rebecca Saunders, Thomas Adès, Jörg Widmann und Jörn Arnecke gegangen, alles Komponisten der Generation um die 30. Was glauben Sie, zeichnet alle diese Künstler aus?

Auerbach: Es ist im Moment eine ganz besondere Zeit für die Musik. In vielerlei Hinsicht eine gute Zeit. Die freieste aller Epochen, was die Möglichkeit angeht, eine eigene Sprache zu finden, ohne allzu viele Rücksichten auf die so genannte allgemeine Sprache der Zeit.

DIE WELT: Wenn man heute in der Wahl seiner Mittel so frei ist, warum beschränken Sie sich in Ihrer Musik dann auf altbekannte Modelle und Gesten?

Auerbach: Ich beschränke mich in keiner Weise. Jede Zeit und jeder Stil ist eine Antwort auf die vorangegangene Epoche. Was ich mache ist wirklich modern. Ich fühle mich frei, mich in einer Sprache auszudrücken, die ohne Einschränkungen ist - das ist Teil unserer Zeit. Ich könnte im Prinzip alle Kompositionstechniken aus der Geschichte der westlichen Musik verwenden.

DIE WELT: Aber warum unsere Zeit mit den Mitteln aller vorangegangenen Epochen ausdrücken?

Auerbach: Weil es das ist, worum es gegenwärtig geht. Unsere Zeit ist die Kombination und die Summe aller vorherigen Epochen. Der einzige Weg voran besteht darin, dies zu akzeptieren und es heute zu reflektieren. Es ist wie ein Spiegel. Diese polystilistische Qualität ist das eigentliche Charakteristikum der Gegenwart.

DIE WELT: Das hieße, daß unsere Epoche keine eigenständige Qualität besäße, nichts, was nicht schon dagewesen wäre.

Auerbach: Ganz im Gegenteil. Ich glaube, es gibt unendliche Möglichkeiten, die noch nicht erkundet worden sind. Zwölftontechnik und Serialismus sind für mich heute so etwas wie Dinosaurier. Das war eine wertvolle Erfahrung zu seiner Zeit - so eine Art Pubertätsrebellion. Heute ist das ziemlich alt. Ich dagegen entdecke unendliche Optionen in der Alten Musik, so wie Strawinsky ein wahrhaft modernes Potential in der Barockmusik aufgetan hat. Es gibt unendlich viel mehr Möglichkeiten in tonaler als in atonaler Musik. Tonale Musik wurzelt in der menschlichen Natur, sie beruht auf der Obertonreihe, und die ist ein universelles Phänomen. Dessen Potential erkunden wir heute, und es wird in den nächsten Jahrhunderten noch weiter erkundet werden.