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Medea-Ballett von Stephan Marc Schneider: Uraufführung 5. November 2005 in Greifswald

Am 5. November 2005 kommt am Vorpommerschen Theater Greifswald ein neues Ballett von Stephan Marc Schneider zur Uraufführung. Mit „Medea“ hat er sich nicht nur ein klassisches, sondern auch ein oft behandeltes Sujet im Bereich des Musiktheaters gewählt. Schneider selbst sagt:

„Das abendfüllende Stück, in 18 Szenen – folgt thematisch der antiken Sage. Eine moralische Wertung der Person Medea findet sich in meiner Musik nicht. Mir war es wichtig, dass sich das Spannungsfeld zwischen äußerer Rahmenhandlung, der gesellschaftliche Aspekt der Figuren und ihr innerstes Gefühlsleben widerspiegelt.

Wir haben mit dem Autor gesprochen:

1. Vor drei Jahren arbeiteten Sie erstmals mit Ralf Dörnen, in dem Sie äußerst erfolgreich die Musik zum Ballett „Bernarda Albas Haus“ komponierten. „Medea“ ist nun Ihre zweite Zusammenarbeit. Können Sie einen Vergleich zwischen der Arbeits- und Herangehensweise von damals und heute ziehen?

Schneider: Nun ja, damals hatten wir mit „Bernarda Albas Haus“ ein quasi „mitgeliefertes“ Libretto. Ich erinnere mich, dass wir an einem Nachmittag besprochen hatten, wie wir das Ballett machen wollten. „Bernarda“ war sehr eindeutig in der Aussage und Intension. Ralf hatte eine bestimmte Vorstellung von der Stimmung und Atmosphäre des Stückes; bei „Medea“ konnte das natürlich nicht genauso geschehen, die Quellen erstrecken sich von der antiken Sage über Euridipes, Seneca, Jahnn, Grillparzer, Christa Wolf, Anouilh bis hin zum Film von Pasolini. Das ist ein weites Feld, und es sind viele unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Interpretationen und Ansätze möglich. Auch kommt dazu, das „Medea“ an zwei unterschiedlichen Orten spielt, Kolchis und Korinth. Es gibt also nicht eine vorherrschende Atmosphäre, sondern viele verschiedene Schattierungen und Nuancen. Also ist das Stück freier interpretierbar, für mich als Komponist, genauso glaube ich, wie für Ralf als Choreograph.

2. Über welch einen Zeitraum erstreckte sich der gesamte Kompositionsprozess?

Schneider: Als wir mit „Bernarda Albas Haus“ Premiere hatten, flüsterte mir Ralf ins Ohr, dass er gerne „Medea“ machen würde - das war 2003, seitdem hatten wir das beide im Hinterkopf. Ich halte es mit größeren Stücken immer so, dass ich kammermusikalische Vorstudien, meist mit Gesang schreibe. Das verwende ich dann als Urmaterial für das größere Stück. Also von 2004 an - ca. 1 ½ Jahre davon 9 Monate unheimlich intensiv und ausschließlich an diesem Stück. Immerhin ist die Partitur knapp 300 Seiten stark und das ganze Ballett hat eine Dauer von über 90 Minuten.

3. Das Libretto zur „Medea“ wurde eigens aus verschiedenen Quellen erstellt und neu geschrieben. Ist eine derartige Loslösung von einer einzigen, bereits existierenden literarischen Vorlage eine Erleichterung oder eher ein Hemmnis für den Kompositionsprozess?

Schneider: Jedes meiner bisher geschriebenen Werke hat seine eigenen Schwierigkeiten im Kompositionsprozess gehabt, das ist völlig unabhängig von dieser Frage. Ich persönlich arbeite z.B. gerne mit Texturen und Gesang. Deshalb gestalte ich wie eben schon erwähnt die Vorstudien zumeist für Stimme. Die Schwierigkeit für mich bei „Medea“ wie bei allen meinen umfangreicheren Werken liegt eher darin, dass der Kompositionsprozess so lange dauert, über ein Jahr, ohne Feedback, ohne Applaus. Das ist ja schrecklich. Man sehnt sich nach den ersten Reaktionen. Und das ist dann immer eine große Erleichterung und Zufriedenheit, wenn man das Werk gebunden vor sich liegen hat. Ich persönlich habe mir vom Verlag extra eine Din A4 Version meines Stückes anfertigen lassen, damit ich die Partitur immer bei mir tragen kann, zumindest die ersten paar Wochen, na ja, der ganze Kompositionsprozess erinnert doch stark an Schwangerschaft und Geburt.

4. Sie haben als Kompositionsauftrag für dieses Theater dieses Werk geschrieben und das Werk erlebt hier seine Uraufführung. Wie würden Sie Ihre Musik charakterisieren?

Schneider: Die eigene Musik zu charakterisieren fällt natürlich schwer, sie ist auf der Thematik auf der Spur- und lässt, so hoffe ich dem Tanz und der Bühne Raum, sich zu entfalten.

5. Inwieweit ist Ihre Musik in dieser „Medea“ strukturell gegliedert und für den Hörer erfass- und erfahrbar?

Schneider: Der erste Teil des Ballettes spielt in Kolchis, der Heimat Medeas, einer archaischen Gesellschaft, voll Ekstase, Feuer und Ritualen. Der zweite Teil zeigt die Reise und Ankunft von Jason und Medea nach Korinth, einer gesetzten, dekadenten Gesellschaft- in beiden Teilen spiegeln sich Medea und ihre Beziehung zu Jason im Kontext der jeweiligen Gesellschaft wider. Ich versuche diesen Spannungen und Handlungssträngen nachzuspüren und versuche dieses Gefühl durch meine Musik dem Hörer erlebbar zu machen.

Und deshalb gibt es auch musikalische Parallelstellen in beiden Teilen des Abends, die Liebesszenen, sowie auch Medeas Innenwelt greifen auf das gleiche musikalische Material zurück. Auch sind bestimmte Intervalle oder Instrumente Gesten oder Personen zugeordnet. Ein zentrales Intervall ist die Oktave, das Schwingungsverhältnis 1:2. Die weibliche Stimme klingt um eine Oktave höher, als die Männliche- also ein Bild für das Paradigma Männlich-weiblich und dessen Spannungsfeld.

Unisono im Fortissimo gespielt kann die Oktave, gerade mit Orchester eine archaische Kraft, eine unheimliche Dynamik entwickeln. Sukzessive als Glissando (alle Töne innerhalb der Oktave werden dann berührt), eine fast folternde Spannung aufbauen. Beide eben genannten Beispiele kann man in meiner Musik hören. Na ja und noch viel mehr, der Besucher sollte selbst hören und sehen und nicht intellektuell konditioniert in eine Aufführung gehen.

6. Was hat Sie ganz persönlich an dem Medea-Stoff gereizt?

Schneider: Eine moralische Wertung der Person Medea, wie in den vielen anderen künstlerischen Bearbeitungen, im Film, der Oper, dem Theater oder in der Literatur, findet sich in meiner Musik nicht. Mir war es wichtig, dem Spannungsfeld zwischen äußerer Rahmenhandlung, dem gesellschaftlichen Aspekt der Figuren und ihrem innersten Gefühlsleben nachzuspüren. Der bedingungslose Hunger nach Macht und Liebe kennzeichnen die beiden Hauptfiguren, und dieser Hunger ist es, der sie in die Katastrophe führt.

Natürlich habe mich auf die Zusammenarbeit mit Ralf Dörnen gefreut und kann es kaum erwarten die Proben mit den Tänzern und Tänzerinnen und dem Orchester, zu sehen und zu hören. Denn der Tanz gibt meiner Musik eine zusätzliche Ebene: eine Körperlichkeit.

7. Welches sind Ihre nächsten Projekte?

Erst einmal Ausatmen, dann sind schon ein paar Sachen angedacht, ein Tubasolo, welches ppp heißen wird - mit Sicherheit ein Klarinettenkonzert für 2007, dann dürstet es mich nach „Medea“, „Bernarda Albas Haus“ und den Opern „Platzende Kometen“ und „Kalkwerk“ weiterhin nach dem Theater, vielleicht auch mal als Regisseur. Ich bin jetzt infiziert.