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Presse zu Jan Müller-Wielands "Die Irre oder nächtlicher Fischfang"

In der Tageszeitung DIE WELT ist am 4. Oktober folgender Artikel zu Jan Müller-Wielands neuer, am 28. September 2005 in Bonn uraufgeführter Oper "Die Irre oder nächtlicher Fischfang" erschienen:

Wärme statt Weltschmerz:

Müller-Wielands "Die Irre" in Bonn

von Stefan Keim

"Kluge Menschen denken manchmal lange nach, um einen anderthalbstündigen Musiktheaterabend völlig zu überfrachten. Dann prasseln die Verweise und Zitate, erzählt wird nichts. Wenn man die Interviews der Beteiligten an Jan Müller-Wielands Stück "Die Irre oder Nächtlicher Fischfang" liest, hat man gar keine Lust hinzugehen. Da ist die Rede von cartoonartigen Porträt-Aquarellen Thomas Schüttes als Ausgangspunkt, einem frühen Bild von Picasso, Schuberts "Winterreise". Und das Libretto (Micaela von Marcard) bedient sich eines "Ich Tarzan, du Jane"-Idioms, um die Abwesenheit von Sprache in einer kalten Welt darzustellen. Jaja.

Und dann wird es doch ein schöner Abend bei der Uraufführung durch das Bonner Theater, diesmal koproduziert vom Beethovenfest. Der Retter heißt Werner Schroeter. Um das Thema der Kammeroper - die Entstehung von Gewalt - kümmert er sich nur am Rande. Da marschieren noch zu Beginn ein Frauen- und ein Männerquartett herum, und aus dem Off klingt als Sopranvokalise das Horst-Wessel-Lied. Dann tritt eine Frau im roten Kleid auf, singt immer nur "ich, ich, ich" und schminkt sich dabei. Sie ist ganz bei und für sich, eben dies ist das Problem. Es gibt einen jungen Mann, der sie begehrt, vielleicht sogar liebt, aber er kommt nicht wirklich an sie heran. Schon in den ersten Minuten erzählt Schroeter von dem ewigen Grundproblem, daß Männer und Frauen einfach nicht zusammen passen.

Der reduzierten, kargen Sprache des Librettos begegnet Schroeter als Beobachter mit offenem Herzen und einer Vielzahl der Emotionen. Ganz wie in seinen großen Frauenfilmen ("Malina") ist die fabelhafte Sopranistin Julia Kamenik eine Welt für sich. Instrumentalisten der wie immer ausgezeichneten Musikfabrik NRW betreten für Soli die Bühne. Schroeter gibt jedem einen liebevollen Auftritt, läßt die schwarz gekleideten Musiker als faszinierende Fremdkörper zwischen den Sängern stehen und langsam durch das Publikum abgehen. Das sind zauberhafte, stille, schöne Momente.

Jan Müller-Wieland bedient nur ganz selten die musikalischen Gewaltklischees, sondern läßt aus dem Kinderlied "Guten Abend, gut Nacht" eine subtile Klangwelt der sanften Reibungen entstehen. Sehr kantabel sind die Gesangslinien, immer wieder gibt es märchenhafte oder wehmütige Stimmungen. Dirigent Wolfgang Lischke entwickelt ein enormes Gespür für das Bühnengeschehen.

Es ist ein warmer, weiser Abend, der Leid und Gewalt nicht leugnet, aber das Erlösungspotential von Kunst und Musik beschwört. Und so einem zeitgenössischen Musiktheater den Weg weist, daß keinen absurden theoretischen Überbau und keine Weltschmerzattitüde mehr braucht."

Und die FRANKFURTER ALLGEMEINE schreibt:

Erst zerrüttet die Sprache, dann der Rest

Neues Musiktheater von Jan Müller-Wieland beim Bonner Beethoven-Fest:

“Die Irre oder nächtlicher Fischfang“

von Gerhard Rohde (FAZ 30. September 2005)

"Wenn das Beethoven wüsste: Das Bonner Fest in seinem Namen erteilt dem Komponisten Jan Müller-Wieland einen Musiktheaterauftrag, die Autorin und Dramaturgin Micaela von Marcard schreibt ein Libretto, das Theater Bonn organisiert die Uraufführung im Forum der Bundeskunsthalle, das Publikum steigert sich zum Schluß fast zu einem kleinen Jubel, als hätte es gerade 'Fidelio' erlebt. Ein Irrtum? Nicht ganz. Beethoven dachte an den Menschen, Müller-Wieland und seine Librettistin denken auch an den, besser: die Menschen. Allerdings mit weniger Utopie als der alte Bonner Meister.

Der konnte noch das Hohelied der Gattenliebe anstimmen, auch wenn schon bei ihm etliche Finsterlinge und Opportunisten die Szene bevölkern. Bei Müller-Wieland gibt’s kein Hohelied, nur Gegenwart, Heute, Mann und Frau beginnen ein Gespräch. Die Frau sagt: 'Ich. Ich. Ich', und noch einmal: 'Ich.'. Der Mann sagt: 'Du“' und weiter: 'Na ...! Na ...! ... Na! Bitte? Na ...? Bitte?' Schließlich auch: 'Ich liiii ... dich!' – Die Liiiiebe kriegt er nicht aus dem Mund. Sprachstörungen, Sprachlosigkeiten, Ausdrucksarmut sind das Kennzeichen unserer Tage. Statt an der Rechtschreibung herumzudoktern, sollte man den Menschen von heute lieber ein Vokabelheft verordnen, in das sie jeden Tag zehn ihnen unbekannte deutsche Wörter eintragen müssen, damit sich ihr aktiver Wortschatz und damit ihre Ausdrucksfähigkeit erhöht.

Müller-Wieland und seine Autorin sehen das sehr genau: Wie viele Probleme zwischen den Menschen, den Partnern, in Gesellschaft und im Privaten aus der wachsenden Zerrüttung der Sprache und der Sprachfähigkeit herrühren. Kommunikationsstörungen, Vereinsamung, Flucht in die Gewalt, sei es in der Gruppe oder zu zweit. Das alles kann natürlich auch nicht ohne Auswirkungen auf Liebe und Sex bleiben. Erosionen auch hier.

In drei Dutzend kurzen Szenen, von kurzen Spotlights unterteilt, zieht der seelenseismographische Zustandsbericht über Leute von heute in knapp eineinhalb Stunden vorüber. Pascal meinte noch, dass in der Liebe Schweigen mehr sage als Worte, dass es eine Beredtheit des Schweigens gäbe, die 'mehr sagt, als tausend Worte vermögen'. So schweigen die Figuren hier nicht, und wenn sie reden, dann hört sich das an, wie wenn sich unser Hausnachbar mit seinem türkischen Schwarzarbeiter unterhält: 'Steine, wachsen nach oben, sind so schwer. Du plemplem.'

Müller-Wielands assoziative Phantasie arbeitet auch hier wieder auf Hochtouren. Thomas Schüttes Popanz-Figurinen, ein Gedicht Silja Walters, das 'Die Irre' heißt, Goethes Gedicht 'Der Fischer“' Picassos Bild vom 'Nächtlichen Fischfang bei Antibes', Schuberts 'Winterreise', Taboris 'Hund und Herr', Strawinskys 'Geschichte vom Soldaten'. Wagners 'Walkürenritt', das Bim und Bam aus Mahlers Dritter, das sich mit einem kleinen Sechzehntelmotiv auf die Silben Di, Del, Du und Del zu Dideldudelbimbambimbambimbam verwandelt. Aber Müller-Wieland komponiert das alles nicht als Zitat, es wirkt vielmehr wie eingewirkt in eine Partitur, die äußerst reizvoll in oft fein hingetupften Klängen, beredten instrumentalen Klangfiguren, erregten und vorantreibenden rhythmischen Sequenzen mit den szenischen Aktionen korrespondiert. Das Ensemble für neue Musik „musikfabrik“ unter der Leitung von Wolfgang Lischke realisierte die Klangpartitur mit hörbarer Sensibilität und, wenn erforderlich, dramatischem Impuls.

Wenn die Uraufführung trotz allem Gesagten insgesamt einen leicht flächigen Eindruck hinterließ, lag das sicher auch an der Inszenierung durch Werner Schroeter. Müller-Wielands Musik besitzt die Tendenz zum Kommentar, sie 'spricht' oft pointiert, ironisch, zynisch und dann auch wieder leichthin aus, wie der Komponist unsere 'Welt' sieht. Das wirkt fas immer böser, gemeiner, aggressiver als ergrimmte Kritik an den Zuständen. Werner Schroeter erkennt in der Vorlage allerdings nur, wie er sagt, 'eine unglaubliche Verteufelung einer möglichen Wirklichkeit'. Was aber heißt dabei 'möglich'? Es ist doch die Realität, die sich in diesem Stück seismographisch abbildet. So bleibt die Inszenierung zwischen den steilen schwarzen Schrägwänden links und rechts der weitgehend freien Spielfläche (inklusive symbolhafter Wasserplanschlache) insgesamt zu bedeutungs- und erdenschwer – so bemerkenswert engagiert sich auch die Spieler und Spielerinnen in die gesellschaftlichen Situationen unseres allgemeinen Mißvergnügens hineinzusteigern versuchen."