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„Arme Leute“ im Hamburg – Neuinszenierung von Gleb Sedelnikows bewegender Kammeroper an der Opera stabile

Ihre Freundinnen wollten früher einmal Visagistinnen oder Bankkauffrauen werden, für Christine Cyris dagegen stand schon als Zwölfjährige fest: „Ich werde Regisseurin“. Seit vier Jahren studiert die aus der Nähe von Bonn stammende Rheinländerin nun schon an der Musikhochschule Hamburg im Fach Opern-Regie. Am 3. Dezember 2005 (20.00 Uhr) hat ihre Inszenierung von Gleb Sedelnikows Kammeroper „Arme Leute“ in Koproduktion mit dem „jungen forum musiktheater“ als erste szenische Produktion dieser Spielzeit an der Opera stabile Premiere.

Eine gestalterische Herausforderung, denn das Stück für zwei Protagonisten beruht auf einen Briefroman von Fjodor Dostojewski und entwicklet sich nur in den gegenseitigen Korrespondenzen. In dreizehn, vom Komponisten sorgfältig ausgewählten Korrespondenzen entspinnt sich zwischen Warwara (Anke Briegel) und dem doppelt so alten, die junge Frau finanziell unterstützenden Beamten Makar Dewuschkin (Jan Eggers) eine sonderbare Beziehung.

Wir haben mit den jungen Regisseurin Christine Cyris über ihre Arbeit gesprochen:

Wie kam es zur Auswahl dieses kleinen Juwels russischer Kammeropernliteratur?

Cyris: Ich habe Kataloge gewälzt, auch den von Sikorski, und fand die Struktur gerade des Stückes so interessant, das ja nur aus Briefen besteht. Das Sujet zeichnet mir einen Weg vor oder eben nicht. Es gibt keine wirklich dramatische Handlung. Die Frage stand im Mittelpunkt: Wie stelle ich auf der Bühne dar, das sich zwei Menschen Briefe schreiben, sich aber nie persönlich begegnen?

Haben Sie sich bei Ihrer Umsetzung eher auf die Personenführung konzentriert?

Cyris: Es geht in erster Linie um die Zeichnung der Figuren, wenn das überhaupt bis ins Letzte möglich ist. Die Beiden, sowohl Warwara als Dyruschkin, sind komplex. Bei mir ist es nicht so, dass zwei Leute am Schreibtisch sitzen und Briefe schreiben. Es wird ein neuer Faden geschaffen, der diese Beziehung noch mal anders definiert.

Wie gehen Sie mit dem sozialen Umfeld der beiden „armen“ Leute um?

Cyris: Grundsätzlich geht es mir nicht darum, eine finanzielle Armut darzustellen, sondern eine Armut an Möglichkeiten, die man in seinem Leben hat. Wir haben eine zeitlang mal darüber nachgedacht, Statisten zu besetzen, aber man beschneidet das Stück dadurch zu sehr und lenkt von den Protagonisten ab.

Welchen Charakter hat die junge Frau Warwara?

Cyris: Warwara kann aus ihrer Situation nicht ausbrechen, es gibt keine Bewegung in ihrem Leben. Im zehnten Brief, der sich musikalisch von den anderen unterscheidet, findet sie dann eine Motivation. Hier geht es um eine Reflexion auf die Kindheit und die Erkenntnis, dass man nichts rückgängig machen, aber nach vorne gehen kann.

Ist das ihr Weg zum Glück?

Cyris: Sie ist bei Dostojewski nicht glücklich, wenn sie geht. Sie muss noch die Spitze bestellen und die Bettwäsche für die Hochzeit. Die Musik von Sedelnikow aber besagt was ganz anderes, zum Beispiel im zehnten Brief, wo sich alles öffnet und das Leben Warwaras eine scheinbar glückliche Wendung nimmt. So gesehen ist es fast ein Umdeutung von armen in glückliche Leute, die durch die Musik transportiert wird. Warwara macht eine große Entwicklung durch, von passiver Erstarrung über den Egoismus des Leidens, was später dann bei Tschechow eine große Rolle spielt.

Wie setzt der Komponist das musikalisch um?

Cyris: Es ist sehr abwechslungsreich. Auch die Struktur der erzählerischen Perspektive, deren Wechsel sich auch in der Musik widerspiegelt. Sedelnikow arbeitet mit Leitmotiven.

Warum gehen sich der Beamte und die junge Frau so krampfhaft aus dem Weg?

Cyris: Warwara ist für mich eine Figur, die unglaublich viel gestrauchelt ist und benutzt wurde für unterschiedlichste Absichten. Sie hat eine Scheu, würde aber eine Begegnung mit Dewuschkin gar nicht ablehnen. Dewuschkin aber kann das nicht zulassen.

Es gibt fast ein Stalking-Phänomen in dieser Beziehung. Dewuschkin ist ständig da, beobachtet sie durchs Fenster, dringt ins Private ein, so dass man fast Angst bekommen kann. Er ist eigentlich zu bequem, eine wirkliche Beziehung einzugehen. Er wählt den einfachsten Weg für sich, obwohl sich auch das ändert. Im elften Brief spricht er davon, dass man kein Stiefelknecht sein darf, nicht immer auf die Werte der Gesellschaft reagieren darf. Diese Erkenntnis kommt aber leider etwas spät. Der Ausgang ist für ihn nicht glücklich.

Für welches Bühnenbild haben Sie sich entschieden?

Cyris: Die Bühne ist für Warwara der Raum, in dem sie sich bewegt, der aber nicht symbolisch gesprochen ihr „Wohnzimmer“ ist, insofern ist es nicht realistisch. Die Bühne bietet Wege, die sie gehen kann, allerdings in begrenztem Rahmen und nie anonym.