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Phänomenaler Auftritt von Tan Dun in Hamburg

- die Philharmoniker Hamburg spielen "The Map"

Unter dem Titel "Spiel ohne Grenzen" schreibt die Tageszeitung DIE WELT in ihrer Ausgabe vom 15. Februar über den phänomenalen Auftritt des Komponisten und Dirigenten Tan Dun in Hamburg:

"Als einen Wanderer zwischen den Welten kann man ihn nur noch eingeschränkt bezeichnen, denn Tan Dun ist schon lange angekommen, auf allen Seiten dieses Globus. Seine Musik ist verbindend, bewegend und glaubhaft, genau wie er selbst. Er erzählt in einer fremden und doch vertrauten Sprache und überwindet kulturelle und ideologische Barrieren mühelos, auch in der Grenzauflösung zwischen Popkultur und elitärer Avantgarde.

Im China Maos ist er großgeworden, hat im Reisfeld das Leben an der Basis kennengelernt, und nach seiner Emigration in die USA Mitte der 80er Jahre im Sturzflug die Strömungen Neuer Musik adaptiert. Am Montag nun leitete der Dirigent, Komponist und für seine Filmmusik "Tiger and Dragon" mit einem Oscar ausgezeichnete Weltstar eines der bislang eindrucksvollsten Philharmoniker-Konzerte der Saison.

Schon bei Alexander Borodins symphonischem Evergreen "Polowetzer Tänze" bewies Tan Dun sein außergewöhnliches Talent für Balance und konzentrierte Kraftentladung. Oft genügte ihm eine unmißverständliche Geste, um die Dramaturgie eines Abschnitts in Gang zu setzen. Daraufhin tupfte er nur noch mit dem Handgelenk mal diesen, mal jenen Taktteil, als sei seine Anwesenheit von nun an gar nicht mehr nötig. Dann wieder explodierte er geradezu, und die Philharmoniker erzeugten eine Klangwucht, als galoppiere eine Reiterhorde anstelle tanzender Polowetzer auf die Hörer zu. Eine noch stringentere Klangregister-Regie wandte der Dirigent bei Dmitri Schostakowitschs allmählich und gebrochen aufblühender "Ouvertüre über russische und kirgisische Volksthemen" an.

Zwischen den Stücken erfuhr das Publikum außerdem, was Tan Dun von amerikanischen Präsentationsformen gelernt hat. Plötzlich griff er nämlich zum Mikro und philosophierte smart über das Wesen von Volksmusik, die in allen Werken des Abends eine Rolle spielte. Auch in seinem eigenen, dem faszinierenden Multimedia-Spektakel "The Map" für Cello, Video und Orchester.

Großartig klang der metallisch schimmernde Streichergrund, die Bitonalität der Bläser und die an chinesische Folklore angelehnten Glissando-Nähte zwischen den fremdartig geformten Cello-Tönen des Solisten Anssi Karttunen. Nahezu alles kommt vor in dieser Musik: ein Chinese auf Video, der durch Blasen auf einem Baumblatt Töne erzeugte, die das Orchester mit Es-Klarinette, Flexaton und heißer Luft durch Blechbläser-Trichter imitierte und variierte. Dann kreuzten die Schlagzeuger ihre Schlegel und ließen ein Hölzchen-Gewitter über die Hörer hereinbrechen, das nur ein Vorspiel für ihren Auftritt als Steintrommler sein sollte. Das klang zuweilen wie das Schlagen der Zunge gegen den Gaumen oder - wenn Steine gerieben wurden - wie das Rollen einer Roulettekugel. Allergrößte Anerkennung für die Philharmoniker, die "The Map" aufgeschlagen und sich mit Tan Dun auf eine Wanderung zwischen den Welten begeben haben. (hpe)