Komponistensuche

Suche nach Nachnamen

Detailsuche

Repertoiresuche

Katalogsuche

Der „Kleine Prinz“ ganz groß! Nikolaus Schapfls Oper am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Der „Kleine Prinz“ ist längst zu einem ganz großen Prinzen geworden. Als Antoine de Saint-Exupéry die geheimnisvolle Geschichte vom Kleinen Prinzen erfand, ahnte er nicht, welche Wirkung sie rund um den Erdball haben sollte. Weise sind die Äußerungen des aus dem Nichts erscheinenden kleinen Wesens, liebenswert ist seine Art, und irgendwie kommt es einem so vor, als spräche durch den Kleinen Prinzen eine innere Stimme aus einem selbst.

Wie liegt es doch nahe, diese zutiefst poetische Geschichte in Musik zu verwandeln, in Klänge, die die tiefe Philosophie seiner Gedanken reflektieren und assoziieren lassen. Nikolaus Schapfl hat den Schritt gewagt. Im April 1995 traf der 1963 in München geborene Akkordeonist, Pianist und Komponist den Grandseigneur der Theaterszene, Prof. August Everding. Als er ihm die Partitur zu seiner Oper „Der kleine Prinz“ vorstellte, sagte dieser ganz spontan: „Eine sehr reiche Orchestrierung und Instrumentierung, ein hervorragender Klavierpart.“ Und die Familie des Dichters Antoine de Saint-Exupéry war nicht weniger beeindruckt. Saint-Exupérys Cousin André de Fonscolombe meinte sogar: „Sehr gut ... Antoine wäre damit sehr zufrieden.“

Mit Hilfe der Bayerischen Theaterakademie, Regine Koch und August Everding wurde das Libretto überarbeitet und ein Klavierauszug hergestellt. Im Mai 1997 gelangte dann zunächst die Orchestersuite „Der kleine Prinz“ in Shanghai durch das Shanghai Symphony Orchestra zur Uraufführung. Viele Orchester, u.a. die Junge Philharmonie Salzburg, die Staatliche Philharmonie Brasov und das Philharmonische Orchester Opole spielten das Werk nach. Schließlich bekam Schapfl von den Erben Saint-Exupérys endgültig grünes Licht für die Uraufführung der Oper, nachdem diese doch schon Angebote von sage und schreibe 70 Komponisten abgelehnt hatten. Schapfls Vertonung ist somit die erste Opernadaption des Stoffes in der Musikgeschichte. Nach einer Reihe von halbszenischen Voraufführungen findet nun die szenische Uraufführung der Oper am 25. März 2006 am Badischen Staatstheater Karlsruhe statt. Die musikalische Leitung hat Ulrich Wagner, die Rolle des Kleinen Prinzen übernimmt Robert Crowe, den Piloten singt Bernhard Berchtold. Inszenierung und Ausstattung stammen von Peer Boysen.

Die Oper weist in Teilen typische Merkmale der Großen Oper auf – aus der Sicht des Gegenwartskomponisten betrachtet – und enthält auch filmmusikalische Ansätze. Durch seine geschickt instrumentierten großen Linien überrascht Schapfl mit intimen, oft fast kammermusikalisch zurückhaltenden Blicken nach innen. Die Dialoge Saint-Exupérys hat der Autor nahezu wörtlich übernommen. Programmmusikartig werden viele kleine Details vom Orchester nachgezeichnet – z.B. ein empörter Blick des Kleinen Prinzen auf das vom Piloten gemalte Schaf oder das flirrende Delirium des Säufers. „Alles ist da in dieser farbigen Musik“, urteilte auch eine Kommentatorin über eine der Vorversionen in der Wiener Zeitung Standard.

Für Peer Boysen ist die Arbeit an Schapfls Oper eine Herausforderung. Als Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion zeichnet er auch für die Ausstattung verantwortlich. Von den vielen Dramatisierungen des Stoffes, zum Beispiel für den Film oder das Fernsehen, hat er sich erklärtermaßen nicht beeinflussen lassen. „Ich kenne sie nicht“, sagt er offen, „inspirieren lasse ich mich durch das Werk an sich.“

Da die Vorlage mit Einblendungen der Erinnerungen und Eindrücke des Kleinen Prinzen arbeitet, stellt sich die Frage, wie Peer Boysen mit dieser Schwierigkeit umgeht. Lässt er etwa Theater im Theater spielen? „Auf die Idee, die Protagonisten bei diesen Nebenhandlungen auszublenden, käme ich nicht“, sagt er jedoch entschieden, „schließlich erzählt der eine dem anderen doch davon.“ Die weltberühmte Zeichnung des Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, das sicherlich authentischste Dokument, wie sich der Dichter diese Figur vorgestellt hat, will auch Boysen nicht unbeachtet lassen. Und trotzdem: „Saint-Exupéry hat aquarelliert, und, wie ich finde, haben Aquarelle mit der Bühne wenig gemein. Beiden besitzen in gleichem Maße Assoziationskraft.“

Der „Kleine Prinz“ aber ist nun mal klein. Bei der szenischen Umsetzung also begegnet den Machern das gleiche Problem wie bei der Inszenierung der berühmtesten Märchenoper der Musikgeschichte „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck, wo erwachsene Frauen in die Kleider der Kinder schlüpfen. Boysen: „Ich habe mir die Besetzung so gewünscht. ‚Klein’ ist ja nicht gleich ‚Kind’! ‚Hänsel und Gretel’ sind Kinder. Der Prinz ist klein.“ Gerade in diesem poetisch so geschlossenen und für sich selbst sprechenden Stoff will der Regisseur nicht mit verfremdenden Mitteln interpretieren. „Ist die Erzählung nicht fremd genug? Realität hat auf der Bühne nichts zu suchen.“ Den Verlauf der Buchvorlage haben weder Nikolaus Schapfl noch Peer Boysen verändert. „Der kleine Prinz ist die diametral und komplementär am weitesten entfernte Figur vom Piloten, und dennoch ist sie ihm auf befremdliche Art unendlich nah, wie man sich selbst.“ Damit dringt Boysen in die Psychologie dieses Stoffes ein, die auch den Schluss zuließe, dass sich diese Episode im Leben des verunglückten Piloten in seinem Inneren, ja vielleicht im Traum abgespielt habe. Man ist sich selbst am nächsten, und doch stellt sich das eigene Ich zeitweise wie ein gewaltiger Widerstand gegen einen selbst. Diese emotionale Ebene fängt Nikolaus Schapfl auf unnachahmliche Art musikalisch ein. Peer Boysen meint: „Musik ist, wie Sie wissen, schwer zu beschreiben. Gewaltig, stark, brutal, sanft, fremd, fern, zerbrechlich, das sind sicher Eigenschaften dieser Musik.“