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Amsterdamer Inszenierung „Lady Macbeth von Mzensk“ von Schostakowitsch ein Wurf!

Die Aufführungen und Neuinszenierungen von Werken Dmitri Schostakowitschs sind anlässlich seines 100. Geburtstages am 25. September 2006 in dieser Saison besonders reichhaltig. Bemerkenswerte Ereignisse sind die Uraufführung des Schostakowitsch gewidmeten Orchesterwerkes „The Garden of Dreams“ op. 110 von Jelena Firssowa durch das Concertgebouw Orkest Amsterdam am 23. Juni 2006 in Amsterdam sowie die Premiere der Oper „Die Nase“ am Theater Essen (4. Juni 2006) und die umjubelte Neuinszenierung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ am Het Muziektheater Amsterdam (3. Juni 2006).

Zu diesem großen Bühnenereignis in Holland schrieb das Feuilleton der ZEIT (14.6.06) unter anderem:

„Wie viele Fratzen menschlicher Bosheit hatte Dmitrij Schostakowitsch eigentlich vor Augen, als er seine Oper Lady Macbeth von Mzensk komponierte? Schiefmäulig grinsen sei uns aus seiner Musik an. Verwirrend vielköpfig krakeelen sie durch den Orchestersatz, fallen sich triumphierend in die Arme und machen sich schmatzend über das Gute her: Die Mordlust erwürgt die Menschlichkeit. (...) Schostakowitsch führt das in grellen Klangfarben vor. Er lässt uns hören, wie die Wut in einer gedemütigten Seele wächst und zum tödlichen Crescendo anschwillt und welche Behaglichkeit den Sadisten durchströmt, wenn er sein Opfer leiden sieht. (...) Wenn man aus der Amsterdamer Premiere der Lady Macbeth kommt, möchte man gar nicht mehr aufhören, von den zynischen Pointen dieser Musik zu erzählen. Weil man alles so überpräsent im Ohr hat: wie das Rattengift mit ätzenden Streichtremoli zu wirken beginnt, das die Mörderin Katerina Ismailova ins Pilzgericht gerührt hat, und wie die große Gefühlsleere einen aus dumpfen Akkorden anstarrt. (...)

Der Dirigent Mariss Jansons hat den Lady-Macbeth-Ton wahrlich getroffen. Seit vielen Jahren gilt der Lette, der in Leningrad beim strengen Jewgenij Mrawinskij sein Handwerk gelernt hat, als Schostakowitsch-Koryphäe (...) Alles ist in seiner Interpretation in grelles Licht getaucht, jede Figurenkontur, jeder Perspektivwechsel, jede parodistische Grimasse. Aber Jansons führt den Triumph der Gewalttätigkeit, von dem die Partitur höhnt, nicht mit kühler Präzision vor wie andere Dirigenten, sondern er lässt sich von ihm mitreißen. (...) Es gibt Inszenierungen, in denen Katerina über alle Leichen und Zudringlichkeiten unbeschadet als unbezwingbare Symbolfigur weiblicher Selbstbehauptung hinwegschreitet. Aber der Regisseur Martin Kusej interessiert sich mehr für die Kräfte, die sie zugrunde richten. Er profiliert sich als detailgenauer Porträtist der menschlichen Niederträchtigkeit. (...)

(Claus Spahn in: DIE ZEIT, 14.06.2006)

Die Tageszeitung DIE WELT schreibt:

"In Amsterdam dirigiert Jansons 'Lady Macbeth von Mzensk', wild und wahnwitzig, ruppig und romantisch. Schon zur Pause gibt es Bravorufe für das unglaubliche Orchester und seinen ebenso kontrollierten wie temperamentvollen Dirigenten. Auch im Fortissimo findet er noch feine Klangabstufungen, kein Ton verrutscht, haargenau setzt er die vielen abrupten Brüche von großer Tragik zu operettiger Ironie, und alles klingt sinnlich, erotisch, gewalttätig.

Auch das Regieteam gibt der niederländischen Oper neue Impulse. Martin Kusejs Inszenierung ist ein Triumph - hart und realistisch im Detail, albtraumartig-surreal in den großen Bildern.

(...) Doch meistens verschmelzen Graben und Bühne zu einer Einheit. Kurz vor ihrem Ende kann Katerina die Demütigungen nicht mehr ertragen. Die aller Superlative würdige Eva-Maria Westbroek, die brennendes Leid mit sehnsuchtsvoller Wärme singt, Triebhaftigkeit mit analytischem Verstand klar und glaubwürdig vereint, tritt an die Rampe und schreit stumm. Das explodierende Orchester nimmt ihr das Brüllen aus der Kehle, verstärkt es, steigert es ins Übermenschliche. Die junge holländische Sopranistin ist mit ihrem Mut zur leidenschaftlichen Hingabe und ihrer wandelbaren Stimme für das Werk eine Idealbesetzung.

Ähnlich präzise Momente gelingen auch in weniger überwältigenden Stellen, lebendiges Schauspiel verzahnt sich mit der Partitur. Man spürt jederzeit, wie genau Mariss Jansons und Martin Kusej zusammen gearbeitet haben. Die Bühne zeigt einen durchsichtigen Glaskasten, in dem Katerina wohnt. Von lebenden Schäferhunden bewacht, die zum Schluß mit den Polizisten wieder kehren, lebt sie zwischen Unmengen von Schuhen in Luxuslangeweile. Ein Bretterverschlag begrenzt den Raum, durch seine Ritzen flackern manchmal Lichter. Er bietet nur eine trügerische Sicherheit, der Chor - das Volk, die Polizei - marschiert jederzeit mühelos in Katerinas Intimsphäre.

Mit dieser umjubelten Produktion leistet Amsterdams Oper einen wichtigen Beitrag zum Schostakowitsch-Jahr und zeigt sich auf internationalem Spitzenniveau." (DIE WELT, Stefan Keim, 12.06.2006)