Komponistensuche

Suche nach Nachnamen

Detailsuche

Repertoiresuche

Katalogsuche

„Vom zarten Pol“ – ein Auftragswerk zur Eröffnung der Salzburger Festspiele von Moritz Eggert

Der Komponist Moritz Eggert ist derzeit wahrlich geübt in Sachen Eröffnungsveranstaltungen. Zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft in München kamen Teile aus seinem Fußball-Oratorium „Die Tiefe des Raumes“ zur Aufführung. In diesem Jahr haben außerdem die Salzburger Festspiele zu ihrer feierlichen Eröffnung am 23. Juni 2006 ein Werk bei Eggert in Auftrag gegeben. Aus den 22 Mozart-Opern, die allerdings nur als Folie verwendet werden, hat der Komponist ein rasantes, hintergründiges Werk geschaffen. „Vom zarten Pol“ ist sein Titel, und Freunde von Wortspielen werden gleich erkannt haben, dass sich dahinter natürlich der Name Mozart verbirgt. Bei der Uraufführung am 23. Juni in Salzburg spielt das Mozarteum-Orchester Salzburg. Die Leitung hat Manfred Honeck. Das Ereignis wird live vom ORF und dem Fernsehsender 3Sat übertragen.

Moritz Eggert schreibt über sein Stück:

Ein 22-minütiges Stück aus allen 22 Mozartopern herzustellen war eine Aufgabe, der ich nur schwer widerstehen konnte. Mozart ist natürlich einer meiner absoluten Lieblingskomponisten und stets ein großes Vorbild für mich. Mir war sofort klar, dass die intensive Beschäftigung mit seinen Opern jeden Komponisten nur erheben und inspirieren kann, also sagte ich - vielleicht leichtsinnig - zu.

Ein wesentliches Problem bei einem Ansatz für dieses Stück schien mir die Gefahr eines mechanischen Potpourris zu sein, also einer Aneinanderreihung der populärsten Nummern aus den bekanntesten Opern Mozarts. Nicht nur, dass es für eine solche Aufgabe nicht unbedingt einen Komponisten braucht, es hat auch etwas Reader’s Digest-mäßiges, die Opern nacheinander nach populären Kriterien abzuhaken. Schließlich gibt es ja auch in den eher unbekannten Opern Mozarts die wunderbarsten Arien, die kaum jemand kennt - Mozart kann ja als Komponist nach wie vor „entdeckt“ werden.

Was ich brauchte, war also eine Geschichte, ein Grund, die Opern auf diese verkürzte Weise zu präsentieren. Auf der Suche nach dieser Geschichte machte ich zuerst einmal eine riesige Auflistung, an der allein ich schon mehrere Tage verbrachte: Ich listete alle Figuren aller Opern auf, alle ihre Arien, Duette, Terzette, etc., die Stimmlagen, die Rollentypen. Ich arbeitete alle Geschichten durch, und ordnete die Opern in bestimmte Typen ein: opere serie, Komödien, azioni sacrali, opere buffe, „Serailopern“ (letztere bilden mit zwei Opern noch einmal eine kleine Untergattung).

Als ich nun all diese Figuren auf einer leeren Bühne im Geiste vor mir sah, drängte sich mir immer mehr die Frage auf, wie eigentlich die Geschichten dieser 156 Figuren weitergehen könnten, hätten diese ein Leben, das über ihre Opern hinausgeht.

So entstand also die klassische Situation „Personen suchen einen Autor“ – die Opernfiguren finden sich nach dem Verschwinden ihres Schöpfers Mozart in der Welt ihrer Opern wieder und wissen nicht weiter. Sie machen sich auf die Suche nach dem „zarten Pol“, an dem sie den Geist ihres Schöpfers vermuten.

Dies ist natürlich eine spielerische Situation (jede Art des Spiels lag Mozart sehr, daher ist dies als Hommage zu verstehen), eine Art „what if...“, und es hat viel Spaß gemacht, sich auszudenken, was NACH den jeweiligen Opernhandlungen mit den Figuren geschieht.

Mozarts großes Genie äußert sich darin, dass er auch der unwichtigsten Nebenfigur mit einer wunderschönen Arie ein ewiges Leben einhaucht, daher war es mein Ehrgeiz, wirklich ALLE 156 Figuren vorkommen zu lassen, in gleicher Gewichtung – mein Stück ist also keine Collage der Opern, sondern eher ein Kompendium der Figuren.

In der Natur der Sache liegt natürlich, dass jeder Figur hierbei nur sehr wenig Zeit zur Verfügung steht: im Schnitt 5 Sekunden (wenn man die Orchesterzwischenspiele und die Ouvertüre – übrigens auch diese ein Kompendium ALLER Ouvertüren aller Mozartopern in chronologischer Reihenfolge in einer Minute). Alle Figuren verständigen sich allein durch das schon existierende von Mozart komponierte Material, das von mir nur in den seltensten Fällen geringfügig angepasst oder nachbearbeitet wurde.

Dies erzeugt eine oft schwindlig machende Abfolge von melodischen Einfällen (die sich manchmal auch überlagern oder gleichzeitig stattfinden), die sich einer für unsere Zeit typischen „Zapping“-Ästhetik nähert. Dieser Zapping-Ästhetik widersetzt sich aber das Material selbst durch die ständig einzigartigen Einfälle Mozartscher Prägung gleichsam anarchisch – ein wie ich finde sehr reizvoller Widerspruch.

Da bei dieser Arbeit das erneute (und zum Teil auch erstmalige) Durchhören aller Mozartopern länger gedauert hätte als die Zeit, die mir für die Komposition zur Verfügung stand (eigentlich eine monumentale Aussage über Mozarts unerbittliche Schaffenskraft), half mir die Mozartexpertin Janina Hofmann, ein System in meine Recherche zu bringen und das eine oder andere musikalische Schätzchen zu bergen, wofür ich ihr hiermit herzlich danken möchte.

Moritz Eggert, Berlin, 26.6.2006