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Gespräch mit Simone Young über Hans Werner Henzes Märchenoper „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“

Anlässlich der deutschen Erstaufführung von Hans Werner Henzes Märchenoper „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ am 24. September 2006 an der Hamburgischen Staatsoper – die Premiere ist gleichzeitig Eröffnung der neuen Saison – hat die Generalintendantin des Hauses und musikalische Leiterin Simone Young ein Interview gegeben. Kurz nach Henzes Geburtstag im Sommer war Young persönlich ins italienische Marino gereist, wo Henze zu Hause ist. Sie berichtet:

Young: „Ich habe ihm einen Tag nach seinem 80. Geburtstag im Juli besucht. Er identifiziert sich sehr mit dem alten Mann, der auf dem Hügel sitzt und seine Söhne in die Welt rausschickt. Im Alter schreibt man seine schönsten Komödien. Das hat Verdi ja auch gemacht. Ich glaube, dieses Stück liegt ihm sehr am Herzen.“

Zur Musik des 2003 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Werkes sagt Young:

Young: „Das Stück ist charmant, sensibel. Im besten Sinne des Wortes ist es ein Stück, in dem über moralische Themen und Ethik gesprochen und gespielt wird. Es ist eine Art moderner „Zauberflöte“. Nicht umsonst hat Henze kleine Zitate aus der Zauberflöte zitiert. Wer aufmerksam hört, bemerkt auch ein Stück Wozzeck oder Rosenkavalier. Vieles davon ist sehr bewusst.“

Simone Young erkennt in „L’Upupa“ aber auch Unterschiede zu früheren Henze-Opern:

Young: „Die Partien sind nicht überwuchtig, obwohl es für großes Orchester ist. Henze verwendet wie man es von dem Komponisten der Bassariden und des Prinzen von Homburg erwartet, eine riesenhaftes Schlagwerk. Und selbstverständlich spiegelt sich darin auch die orientalische Welt, was der Musik ihre besondere Farbe gibt. Was mich an dem Stück so fasziniert, ist, dass es so phänomenal strukturiert ist. Es hat elf Bilder, von denen jedes eine eigene Form behauptet. Manches darin ist gewagt. So, dass im letzten Bild „Blaue Stunde“ gar nicht gesungen wird. Diese Stelle erinnert ein bisschen an das Orchesterzwischenspiel aus Bergs Wozzeck. Es ist gewagt, nach einem kräftigen Finale mit einem knappen Dialog und einem rein instrumentalen Schluss aufzuhören. Aber es ist ihm richtig gelungen.

Henze versucht nicht, eine orientalische Klangwelt zu erzeugen oder zu imitieren.

Young: „Er ist musikalisch eher von einer Fantasiemärchenwelt ausgegangen, als dass er sich spezifisch an eine arabische Klangwelt anlehnt. Die Melodien sind wunderbar erfunden, aber schwer für die Sänger zu erlernen.

Das Märchen erzählt von dem Verlust der L’Upupa (eines Wiedehopfes) durch die Unachtsamkeit des alten Mannes Al Radschi. Märchentypisch schickt Al Radschi seine drei Söhne aus, um den Vogel wiederzuerlangen.

Young: „Der alte Mann liebt alle drei Söhne, obwohl er die seelischen Mängel der beiden älteren genau kennt. Der dritte Sohn, unbefangen und von der Seele aus nobel, reagiert total naiv. Der Vater ist bereit, für sein seelisches Bedürfnis nach dem Vogel als Symbol für die Schönheit, seine drei Söhne zu opfern, und lernt im Verlauf, dass das völlig verkehrt ist. Und der jüngste Sohn, der bereit ist alles zu opfern, damit sein Vater glücklich wird, begreift nicht die Gefahr. In diesem naiven Zustand ergreift er trotzdem so viel. Die fragwürdige Figur ist dabei sein eigener Dämon, der ihm zur Seite steht bei all seinen unmoralischen Unternehmungen. Er stiehlt den Vogel, er stiehlt das Mädchen und die Wunderkiste. Ein bisschen ist was vom reinen Toren Parsifal dabei. Es ist ein Kindermärchen mit der Weisheit des Alters.“

Die Deutung des Märchens fasst Young sehr weit.

Young: „Der alte Mann im Turm ist völlig abgetrennt von seinem Volk. Er wohnt nicht im Schlossgarten, sondern hat sich abgesondert. Im Alter muss er sich von der Quelle seines Reichtums trennen. Es ist eine Parabel auch auf den Künstler, der sich von der Welt, die er beschreibt, immer weiter zurückziehen muss.“