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Fliegende Einsiedlerin und Erzählerin in Tönen: 75. Geburtstag von Sofia Gubaidulina am 24. Oktober 2006

Der Dirigent Sir Simon Rattle nannte Sofia Gubaidulina einmal eine „fliegende Einsiedlerin“. In ihrer beispiellosen Fähigkeit, sich auf sich selbst und ihre Arbeit zu konzentrieren, in ihrer tiefen und in jeder Beziehung aufrichtig gelebten Gläubigkeit ist sie eine Einsiedlerin der Moderne. Sie versteht es, sich immer wieder wochenlang zurückzuziehen in ihr „Komponierhäuschen“ am westlichen Rand der Großstadtregion Hamburg. Von Zeit zu Zeit aber reißt es sie wieder fort, als fliegende Einsiedlerin, die die Aufführungen ihrer Werke in aller Welt begleitet, die jungen Leuten und Interpreten an den Musikhochschulen dieser Welt gegenübertritt und ihnen etwas vom Geheimnis des (Hin-)Hörens vermittelt. Am 24. Oktober 2006 feiert die bedeutende zeitgenössische Komponistin der Gegenwart ihren 75. Geburtstag.

Sofia Gubaidulina wurde 1931 in Tschistopol (Tatarische Republik) geboren. 1954 beendete sie ihre Ausbildung am Konservatorium von Kasan in den Fächern Klavier (bei Grigori Kogan) und Komposition und setzte dann bis 1959 ihr Kompositionsstudium bei Nikolai Pejko, einem Assistenten von Dmitri Schostakowitsch, am Moskauer Konservatorium fort. Anschließend erfolgte eine Aspirantur bei Wissarion Schebalin. Seit 1963 ist Sofia Gubaidulina als freischaffende Komponistin tätig. 1975 gründete sie zusammen mit den Komponisten Vyacheslav Artyomov und Viktor Suslin die Gruppe „Astraea“, in der man auf seltenen russischen, kaukasischen sowie mittel- und ostasiatischen Volks- und Ritualinstrumenten improvisierte und zu bisher unbekannten Klangerlebnissen und neuen Erfahrungen musikalischer Zeit gelangte, was ihr Schaffen wesentlich beeinflusste. Nach einer mehrjährigen Unterbrechung ließen Sofia Gubaidulina und Viktor Suslin die Idee der Gruppe „Astraea“ in den 90er Jahren neu aufleben. Seit Beginn der 80er Jahre gelangten ihre Werke – insbesondere dank des tatkräftigen Einsatzes von Gidon Kremer – rasch in die westlichen Konzertprogramme, so dass die Komponistin heute neben Schnittke, Denissow und Silwestrow zu den führenden Vertretern der Neuen Musik aus der ehemaligen Sowjetunion gerechnet wird. Dies bekunden die vielen Aufträge namhafter Institutionen (darunter BBC, Berliner Festwochen, Library of Congress, NHK, The New York Philharmonic) sowie die stattliche Zahl der CD-Einspielungen. Sofia Gubaidulina, die seit 1992 in der Nähe von Hamburg lebt, ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie der Königlichen Musikakademie Stockholm. Im Jahre 1999 wurde sie in den Orden „Pour le mérite“ aufgenommen.

Sie erhielt einen Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb von Rom (1974), den Prix de Monaco (1987), den Koussevitzky International Record Award (1989 und 1994) für die CD-Einspielungen ihres Violinkonzerts „Offertorium“ (DG-47336-2) und ihrer Sinfonie „Stimmen ... verstummen ...“ (Chandos-9183), den Premio Franco Abbiato (1991), den Heidelberger Künstlerinnenpreis (1991), den Russischen Staatspreis (1992), den Ludwig-Spohr-Preis der Stadt Braunschweig (1995), den Kulturpreis des Kreises Pinneberg (1997), den japanischen Kaiserpreis Praemium Imperiale (1998), den Leonie-Sonnings-Musikpreis (1999), den Preis der Stiftung Bibel und Kultur (1999), die Ehrenmedaille der Stockholmer Konzerthausstiftung in Gold (2000), die Goethe-Medaille der Stadt Weimar (2001), den Polar-Musikpreis (2002) sowie das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2002). Im Rahmen der Cannes Classical Awards wurde sie zum Living Composer 2003 gewählt.

Typisch für Gubaidulinas Schaffen ist das nahezu vollständige Fehlen von absoluter Musik. In ihren Werken gibt es fast immer etwas, das über das rein Musikalische hinausgeht. Dies kann ein dichterischer Text sein, der Musik unterlegt oder zwischen den Zeilen verborgen, ein Ritual oder irgendeine instrumentale „Aktion“. Einige ihrer Partituren zeugen von ihrer Beschäftigung mit mystischem Gedankengut und christlicher Symbolik. Ihr literarisches Interesse ist sehr vielseitig. So vertonte sie altägyptische und persische Dichter, aber auch Lyrik des 20. Jahrhunderts (z.B. Verse von Marina Zwetajewa, zu der sie eine tiefe geistige Verwandtschaft empfindet).