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Presseauszüge zur Uraufführung der Oper "Die Schnecke" von Hans Neuenfels und Moritz Eggert

Am 27. Januar 2007 erlebte das Tanz- und Singspiel "Die Schnecke" von Hans Neuenfels (Libretto) und Moritz Eggert (Musik) am Luzerner Theater in überarbeiteter Fassung am Luzerner Theater seine Uraufführung. Hier einige Auszüge aus der Resonanz in den Medien.

PRESSEAUSZÜGE

Radiokritik - 28.1.2007 – DRS1, Regio, Tuuli Stalder

(übersetzt aus dem Schweizerdeutsch)

Keine Ouvertüre, kein Vorspiel. Der Vorhang öffnet sich und es wird gesungen. Eine Familie sitzt auf der Bühne, es sieht aus wie ein biederes Familienportrait. Doch der Schein trügt. Die Geschichte der „Schnecke“ handelt kurz gesagt von zwei Brüdern, die sich hassen. Der eine gut aber erfolglos, der andere böse aber beliebt. Und die Eltern? Wie soll es denn anders sein, sie vertrauen natürlich dem Falschen, und erleben so das böse Erwachen.

Eine simple Geschichte auf den ersten Blick, die aber ziemlich bizarr und absurd daher kommt. Die Schnecke wird für vieles als Symbol gebraucht, die Leute werden zur Schnecke gemacht, schleimen gleichzeitig durch die Gegend. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität, das ganz nach Schneckenart. Und sie wechseln zeitweise ihr Geschlecht.

(…) Das Stück nimmt sich selber nicht so ernst und für eine Oper ist das eher ungewöhnlich. Den Text versteht man übrigens so gut, weil er oberhalb der Bühne eingeblendet wird. Es lohnt sich aber, den Blick weg vom Text zu nehmen und nur hinzuhören. Denn die Musik von Moritz Eggert ist vielschichtig, rhythmisch und total schön. Wenn es vulgär wird, verpackt es der Komponist in melodiöse Arien und Duette. Moritz Eggert zitiert Bekanntes und bricht sofort wieder damit. Entstanden ist wunderschöne zeitgenössische Musik. (…)

NZZ. 29. 1. 2007 – Martina Wohlthat

Muntere Schneckenpost

Schweizer Erstaufführung eines Singspiels von Moritz Eggert in Luzern

(…) Das Sing- und Tanzspiel ist ein bizarres Stück, das von ernsten Dingen handelt, sich aber selbst nicht allzu ernst nimmt. Hervorstechendes Merkmal des Librettos sind die Reime, die sich den Text auf Biegen und Brechen gefügig machen und bis zum Kalauer gehen. Zu Beginn trachten sich zwei rivalisierende Söhne zu drastischen Schlagzeugeffekten nach dem Leben. Drastisch ist auch die Sprache: „Ich mach dich zur Schnecke. Verrecke!“ Der Verlierer Manfred wird aus dem elterlichen Haus verstossen. Die Schnecke, die als Figur in der Oper selber nicht auftaucht, dient als Symbol für eine Glücks- und Identitätssuche.

Der Inszenierung von Nelly Danker gelingen plastische Bilder. Beim „Ball liberall“ im zweiten Akt wechseln die Bühnenfiguren das Geschlecht. Auf der von Werner Hutterli mit grasgrünen Drehwänden gestalteten Bühne kommt es zu skurrilen sexuellen Begegnungen wie in Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“. Keusches Gegenbild ist die von Peter Jecklin angeführte Gruppe von gesellschaftlichen Aussenseitern, die mit Salatblättern gefüttert werden und schutz- und heimatlos durch das Stück irren. Das Fazit: Nicht jeder hat das Zeug zur Nacktschnecke.

Der 1965 geborene Komponist Moritz Eggert hat sich vom wortreichen Libretto nicht einschüchtern lassen. Trotz Textfülle bleibt die Partitur nicht an den Buchstaben kleben. Munter lässt Eggert musikalisches Material unterschiedlicher Herkunft zusammenprallen und formt daraus eine veritable Opernsprache. Zur geschmeidigen Orchestermusik verwendet er experimentelle Schmatz- und Schleifgeräusche, scheut sich aber auch nicht, für die Sänger melodisch zu schreiben und die lyrische Gesangslinie als Mittel der Intensivierung des Ausdrucks einzusetzen. (…)

Berner Zeitung BZ, 29.01.2007

Uraufführung der Oper „Die Schnecke“

Von Schnecken und Schwerreichen

Die Oper „Die Schnecke“ von Moritz Eggert kam am Luzerner Theater zur Schweizer Uraufführung. Sie handelt von Mächtigen dieser Welt und von jenen, die von ihnen „zur Schnecke“ gemacht werden. Die Aufführung gefiel.

Zwischen den Reichen und Mächtigen unserer Gesellschaft und jenen, die in ihr „zur Schnecke“ gemacht werden, pendelt die Oper von Moritz Eggert, zu welcher der Regie-Altmeister Hans Neuenfels den Text beigesteuert hat. Nach der Mannheimer Uraufführung im Juni 2004 brachten der Dirigent Mark Foster und die junge Regisseurin Nelly Danker das Stück am Theater Luzern zur Schweizer Erstaufführung.

Das „Sing- und Tanzspiel“ ist ein bunt zusammengestoppeltes hintersinniges Märchen. In gewollt kunstlosen, manchmal arg klappernden Reimen verbindet das Libretto Tiefsinn und Trivialität, Zeitkritik und Zote, Geothe-Zitat und Kalauer.

Familiengemetzel

Erzählt wird von zwei Brüdern aus schwerreichem Haus, dem skrupellosen Edgar und dem sensiblen Manfred, der als Versager von den Eltern verstossen wird. Edgar jedoch wirft seine Eltern aus der Villa und macht politische Karriere. Manfred schliesst sich den „Schnecken“ an, den Ausgestossenen.

Bei einem „Ball liberall“ verkehren sich die Geschlechter, und die Identitäten lösen sich vorübergehend auf. Im Kampf um die Macht töten die Eltern Edgar und seine Freundin Inge. Manfred kehrt zurück und bringt die Eltern um. Die „Schnecken“ siegen.

Buntscheckige Partitur

Der 1965 in Heidelberg geborene Eggert hat auf diese dramaturgisch locker gestrickte Vorlage eine kongeniale Musik komponiert. Ebenso unbekümmert wie sein Librettist bedient er sich im Fundus der Musikgeschichte. Tanzrhythmen aller Art, Stilzitate und deutliche Anspielungen auf den „Sacre du printemps“ und „Carmina Burana“ etwa, durchziehen die Partitur.

Bewegliche Bühnenbilder

Dabei ist Eggert ein hervorragender Handwerker, dem es gelingt, aus den unterschiedlichen Bestandteilen ein homogenes Ganzes zu formen. Gekonnt setzt er die vielfältigen Klangmöglichkeiten des Orchesters und des sehr gross besetzten Schlagzeugs ein. Das hat Drive und macht Spass beim Zuhören, zumal das Luzerner Sinfonieorchester mit Elan musiziert und die Farben der Partitur zum Leuchten bringt.

Es läge nahe, diese Vorlage als bunte Ausstattungsrevue auf die Bühne zu bringen. Das Regieteam um Danker setzt aber auf Reduktion – und gewinnt.

Der Bühnenbildner Werner Hutterli schafft auf der sonst leeren Szene mit beweglichen – mal transparenten, mal farbigen, mal metallenen – Wandelementen immer wieder neue Räume. Die Ästhetik dieser Bilder wird von Gérard Clevens atmosphärisch dichter Beleuchtung unterstrichen. Danker, langjährige Mitarbeiterin von Neuenfels, überzeugt mit einer schlüssigen, oft grotesk-überhöhten Personenführung.

Ensemble in Hochform

Eggerts Musik ist dankbar für die Sänger, und das Luzerner Ensemble läuft denn auch zu grosser Form auf, allen voran Gregor Dalal mit mächtigem Bariton als Edgar und als Manfred der elegant phrasierende Jason Kim, dessen Tenor in puccinesken Kantilenen leuchtend aufbüht.

In Hochform zeigen sich auch Chor und Extrachor als anonyme Masse der Mittelmässigen. – Obwohl der Abend im zweiten Teil Längen aufweist, reagierte das Premierenpublikum begeistert.

Tagesanzeiger Zürich, 30.1.2007 Thomas Meyer

Lob der Unreife

Moritz Eggerts Oper „Die Schnecke“, die im Theater Luzern gezeigt wird, ist krud, aber äusserst unterhaltend.

(…) Diese Ideenfülle und verquere Unberechenbarkeit ist allerdings genau die geeignete Grundlage für einen Musiker wie den Pianisten und Komponisten Moritz Eggert, der alle Musikstile in sich aufgesogen hat und sie nun gern in sekundenschnellen Wechseln einsetzt. Zu Recht beruft er sich auf Mozarts Opern und deren emotionale Vielfalt. Auch Eggerts Musik kann im Handumdrehen Gefühlsschwankungen ausdrücken, mit gelegentlich fast unscheinbaren, aber doch eingängigen Melodien und mit verschiedenen Stillagen – von Wagner-Harmonien über Barockes und Minimal Music bis hin zu Jazz- und Rap-Elementen führt die Musik. Manchmal wird haarscharf geschnitten, manchmal verschmieren die Collagen.

Die (inklusive Pause) zweieinhalb Stunden unterhalten bestens, zumal sich das Luzerner Theater für diese Produktion voll ins Zeug legt, vom Vokalensemble und vom Orchester unter der Leitung von Mark Foster über die Tänzer (Choreografie: Ana María Mondini) bis hin zum eindrücklichen Chor, dem in diesem so turbolenten Theater einige der nachdenklichsten Passagen zukommen. Mit einfachen, aber witzig eingesetzten Mitteln gestaltet die Regisseurin Nelly Danker zusammen mit Werner Hutterli (Bühnenbild) und Anemone Bold (Kostüme) dieses Sing- und Tanzspiel. (…)