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„Es war gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits“ – Alexander Raskatov über seine Arbeit an Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 9

Im Gespräch hat sich der 1953 in Moskau geborene Komponist Alexander Raskatov über seine Arbeit an der Sinfonie Nr. 9 von Alfred Schnittke und seiner ergänzenden vokalsinfonischen Komposition „Nunc dimittis“ geäußert.

Raskatov hatte den Auftrag erhalten, für die Uraufführung der letzten, von Schnittke auf dem Sterbebett niedergeschriebenen Sinfonie am 16. Juni 2007 in Dresden (Dresdner Philharmonie, Ltg.: Dennis Russel Davies) die schwer lesbare Partitur zu entziffern, vorsichtig zu ergänzen und zu korrigieren. Vor ihm hatten bereits Gennadi Roschdestwenski und Nikolai Korndorf Versuche dieser Art unternommen, die aber keinen Bestand hatten oder nicht vollendet wurden.

Ergänzend zur Neunten Sinfonie hat Raskatov eine eigenständige Komposition hinzugefügt, in der er Texte des orthodoxen Mönchs Starets Siluan und Joseph Brodskys vertont.

Warum hat sich Gennadi Roschdestwenski mit seinem Versuch einer Bearbeitung dieses Fragmentes noch zu Lebzeiten Schnittkes nicht durchsetzen können?

Raskatov: Erstens handelt es sich nicht um ein Fragment. Es sind drei vom Autor fertig geschriebene Sätze einer Sinfonie. Zum Kernpunkt: man hätte die Frage nicht an mich richten sollen, sondern direkt an Gennadi Roschdestwenski.

Welche Eigenarten hat Schnittke in späten Jahren und speziell in diesem Werk entwickelt? Kann man von einem Spätstil sprechen?

Raskatov: Ich weiß, dass Alfred Schnittke selber seine 9. Sinfonie für ein abseits dastehendes Werk hielt, das keine Ähnlichkeit mit auch nur einer der vorherigen Sinfonien hat. Wie sich Irina Schnittke ausdrückte, hatte er diese Sinfonie gleichsam „zu seinem Abgang“ geschrieben. Ohnehin zeichnen sich die späten Werke des Komponisten durch eine ganz besondere Askese aus, durch das Fehlen äußerlicher Effekte, ich würde sagen, sie weisen einen eigenen strengen Stil auf. Diese Sparsamkeit der Mittel erinnert in gewisser Weise an den späten Schostakowitsch.

Hat Schnittke einmal etwas dazu verlauten lassen, dass seine Neunte vokalsinfonisch erweitert wird oder werden soll?

Raskatov: Schnittke hat derartiges nie gesagt. Mein Vokalwerk „Nunc dimittis“ stellt in keinster Weise den vierten Satz der 9. Sinfonie dar. Es ist dies ein Epilog, ein Postludium, um des Meisters zu gedenken. Es ist unstatthaft, die 9. Sinfonie und diesen meinen Epilog miteinander zu vermischen.

In welchem Zustand befand sich das autographe Material der 9. Sinfonie?

Raskatov: Das autographe Material stellt drei fertig geschriebene Sätze der Partitur dar. Es sind 53 mit winziger Schrift beschriebene Seiten. Ein ungleichmäßiges Schriftbild, das auf den ersten Blick unleserlich scheint. Hatte doch der Komponist mit der linken Hand geschrieben, was ihm unsägliche Mühe bereitete. Und genau darin bestand meine Aufgabe: den Urtext wieder herzustellen mit einem Höchstmaß an Behutsamkeit und Respekt vor dem Original, ohne selbst etwas hinzuzukomponieren und ohne den Komponisten „verbessern“ zu wollen.

Ich machte mich, mit einer Speziallupe bewaffnet, an die Arbeit, beschäftigte mich lange mit unklaren Stellen, um sie zu analysieren. (Mitunter nahmen die Analyse und das Entschlüsseln einer einzigen Textpassage viele Stunden in Anspruch.) Mein Wissen um Schnittkes „musikalischen Kosmos“ und meine Huld davor hielten mich in komplizierten Fällen davon ab, Lösungen herbeizuführen, die a priori gar nicht hätten existieren können.

In welchem Fall hätten Sie das Einrichten und Komplettieren eines Fragmentes abgelehnt? Gibt es Grenzen, die man hier nicht überschreiten dürfte?

Raskatov: Ich sehe mich gezwungen, noch einmal zu betonen: Es sind keine Fragmente, sondern es ist ein Ganzes. Wären es vereinzelte Fragmente gewesen, irgendwelche Fetzen von Gedanken, die – in Schnittkes Namen – des Hinzukomponierens zu dessen eigener Musik bedurft hätten, so hätte ich darauf garantiert verzichtet.

Hat Irina Schnittke aktiv an Ihren Arbeiten teilgehabt, ja vielleicht sogar interveniert, wo es ihr notwendig erschien?

Raskatov: Irina Schnittke hat sich nie in meinen Arbeitsprozess eingemischt, ganz im Gegenteil: Sie hat mir ihr volles Vertrauen entgegengebracht, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Und natürlich war sie immer bereit, sich mit meinen Fragen auseinander zu setzen und – was besonders wichtig ist – „von innen heraus“ die letzten Lebensjahre des Komponisten auszuleuchten und jenen Kontext wahrnehmbar zu machen, in welchem diese Sinfonie entstanden ist. (Manchmal kam es dabei zu mehrstündigen Telefongesprächen!)

Gab es vonseiten Irina Schnittkes konkrete Vorgaben und Wünsche?

Raskatov: Mir wurden keinerlei konkrete Vorgaben gemacht. Der einzige Wunsch war, nach Möglichkeit exakt das komplexe Manuskript zu entschlüsseln. Und dies entsprach voll und ganz meinen Ansichten.

Wie hat sich Ihre Beziehung zum Werk Schnittkes aufgebaut?

Raskatov: Meine Beziehung zur 9. Sinfonie kann nicht getrennt von meiner Beziehung zu Schnittkes Musik generell betrachtet werden. Und diese meine Beziehung währt bereits länger als 30 Jahre.

Was die letzte Sinfonie betrifft, so hat dieses „zum Abgang“ verfasste Manuskript auf mich – auch rein visuell – einen überaus starken Eindruck ausgeübt. Es war gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits; die Seiten – ich spürte es – strahlten eine höchst signifikante Energie aus, sodass ich mich längere Zeit sogar fürchtete, mich extrem lange damit zu beschäftigen.

Gleichzeitig wuchs in mir die Erkenntnis: Der letzte musikalische Wille des Komponisten Alfred Schnittke muss hörbar gemacht werden.

Wagen Sie eine Spekulation, inwieweit die drei Schlaganfälle, die Schnitte in seinen späten Jahren erlitten hat, seine Musik beeinflusst haben?

Raskatov: Schließt der Herr eine Tür, öffnet er nicht selten eine andere. Nach dem ersten Schlaganfall sind beispielsweise das Bratschenkonzert und das erste Violoncellokonzert sowie die Ballettmusik „Peer Gynt“ entstanden. Nach dem zweiten Schlaganfall war es die 8. Sinfonie. Aber auch der große Händel hatte mehrere Schlaganfälle überstanden! Haben wir es möglicherweise mit einem Phänomen zu tun, wobei eine schwere Krankheit die Tür in eine andere, eine parallele Welt öffnet, durch die ein Gesunder nicht hindurch zu gehen vermag?

Wie kam es zur Auswahl der Texte in Ihrem Vokalwerk „Nunc dimittis“?

Raskatov: Von Irina Schnittke erfuhr ich, dass Joseph Brodsky der Lieblingsdichter des Komponisten in dessen letzten Jahren war. Die Verwendung von Texten des großen russischen Heiligen, des Starets Siluan, ist darauf zurückzuführen, dass Alfred Schnittke selbst ein seht gläubiger Mensch war. Beide Texte stehen in exaktem Einklang mit der Idee des „Abgangs“, mit der Idee dieser Sinfonie. Dies war auch ausschlaggebend für meine Auswahl.

Wenn Sie auf Ihr eigenes Schaffen schauen, haben Sie sich in irgendeiner Weise von Schnittke und seiner Musik beeinflussen lassen?

Raskatov: In den 70er und 80er Jahren stand ich unter einem starken Einfluss von Schnittkes Musik. Übrigens war ich ganz bestimmt nicht der Einzige gewesen. Man musste damals schon in Moskau gelebt haben, um zu begreifen, welch überaus starken Einfluss diese Musik auf die Gemüter und Herzen nicht nur von Musikern, sondern auch allen halbwegs gebildeten Menschen ausübte. Ich glaube, sie hat sogar einen ganz besonderen Typus des Zuhörers geformt. In dieser Musik waren der Schmerz der damaligen Zeit und der innere Protest gegen sie verschlüsselt ... Schnittkes paradoxe Denkweise, die besondere „Mehrdimensionalität“ seiner Musik, das heißt das Vorhandensein eines „doppelten“ und mitunter sogar „dreifachen“ inhaltlichen Bodens – all das war mir außerordentlich verständlich und nah.

Welcher Art war Schnittke Beziehung zu den Texten Starets Siluans und Joseph Brodskys?

Raskatov: Joseph Brodsky war Schnittkes Lieblingsdichter, ganz besonders in den letzten Jahren. Die beiden kannten sich persönlich. Soviel ich weiß, waren die Texte Starets Siluans zu Lebzeiten des Komponisten noch nicht veröffentlicht worden.

Schnittke selbst hat viel Vokalmusik komponiert. Wie behandelte er die Stimme ? Wie behandeln Sie die menschliche Stimme?

Raskatov: Ich meine, Schnittke hat gar nicht so viel Vokalmusik komponiert. Er hat zwar Opern und Chorwerke geschrieben, jedoch Werken mit Solostimmen hat er sich nicht all zu oft zugewandt. Ich fasse Schnittke vor allem als Instrumentalkomponisten auf, und aus diesem Grund gibt er auch der Stimme in der Regel eine instrumentale Deutung.

Was mich selbst angeht, so greife ich in diesem Werk mit Rücksicht auf dessen spezifische Art die Traditionen des russischen Snamenny raspew, des Zeichengesangs, und sogar (an manchen Stellen) des byzantinischen Gesangs (des Vorläufers des russischen Kirchenlieds) auf.

Eine spekulative Frage: Wenn Schnittke länger gelebt hätte und noch sechs weitere Sinfonien wie Schostakowitsch geschaffen hätte, in welche Richtung hätte sich sein sinfonischer Stil weiter entwickelt?

Raskatov: Als ich als junger Mensch Konzerte besuchte, in denen Schnittkes Musik gespielt wurde, wusste ich nie im Voraus, was genau ich hören werde – dermaßen unvorhersehbar war seine Musik. Und aus diesem Grund kann man nicht voraussagen, wie sich, sagen wir, sein sinfonisches Werk entwickelt hätte, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen. Schauen Sie sich seine Sinfonien doch einmal an: Sie alle sind so unterschiedlich. Was hat beispielsweise die Erste mit der Vierten gemeinsam, oder die Zweite mit der Achten?

Ist der Gattungsbegriff „Sinfonie“ aus Ihrer Sicht eigentlich noch zeitgemäß?

Raskatov: „Sinfonie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Zusammenklang“. Die Bedeutung dieses Wortes hat im Laufe der Jahrhunderte so viele Veränderungen erfahren, dass es – ich bin überzeugt davon – die Menschen auch in Zukunft immer wieder überraschen wird.

Gewissermaßen ist jeglicher Versuch des Künstlers, mit orchestralen Mitteln seine eigene Welt aufzubauen, ja seinen eigenen Kosmos zu gestalten, schon eine „Sinfonie“.

Sie haben auch die „Lieder und Tänze des Todes“ von Modest Mussorgski orchestriert, Sehen Sie sich besonders gern als Bearbeiter auch fremden Materials? Welche Befriedigung bringt Ihnen diese Arbeit ganz persönlich?

Raskatov: Prozentual gesehen nimmt die Arbeit mit „fremdem Material“ gar nicht zu viel Platz ein. Es geht hier eher um die Auftragslage.

Wichtig ist, dass meine Arbeit mit „fremdem Material“ im Falle von Schnittkes Neunter kein Intervenieren in diesen Stoff oder gar dessen Änderungen bedeutet. In der Tat habe ich Mussorgskis Zyklus orchestriert. Übrigens hatte das vor mir bereits Dmitri Schostakowitsch und Edison Denissow getan. Und hier gelangen wir an einem wichtigen Punkt an: Handelt es sich dabei etwa generell um eine Tradition in der russischen Musik?

Rimski-Korssakow hat zwei Meisterwerke von Mussorgsky orchestriert, Glasunow den „Fürst Igor“ von Borodin, Strawinsky wandet sich ebenfalls Mussorgski bzw. Gesualdo zu. Und erst Schostakowitsch!

Nun über meine „persönlichen Empfindungen“: Mussorgski ist ein Komponist, den ich ganz besonders mag; und die „Lieder und Tänze des Todes“ gehörten schon in jungen Jahren zu meinen allerliebsten Werken. Dies ist gleichsam eine Bibel eines jeden russischen Komponisten. Und der Auftrag des holländischen Festivals traf wirklich ins Schwarze.

Kommen wir jetzt zur 9. Sinfonie. Irina Schnittke, die mich mit dieser Arbeit beauftragte, hat mir damit eine sehr große Ehre erwiesen. Und ich werde mich glücklich schätzen, wenn die Partitur durch meine Arbeit jenen Klang findet, den sich Alfred Schnittke gewünscht hätte, und wenn damit der Lebensweg dieses Werks beginnt.