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„Balsam für die Ohren“ - Presse zu Sofia Gubaidulinas Violinkonzert „In tempus praesens“ für Anne-Sophie Mutter in Luzern

Die Uraufführung des zweiten Violinkonzerts „In tempus praesens“ von Sofia Gubaidulina mit Anne-Sophie Mutter als Solistin und den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle am 30. August 2007 im Rahmen des Lucerne Festivals 2007 war ein sensationeller Erfolg. In der internationalen Presse war dazu zu lesen:

„Balsam für die Ohren gab es zuvor mit einem anderen Star: Anne-Sophie Mutter. Sie begegnete auch der allerneuesten Musik mit ihrem immer wieder faszinierenden, aber auch immer gleichen samtig schillernden Stradivari-Kiang. Ihr gewidmet - und von der Basler Paul Sacher Stiftung in Auftrag gegeben - war das zweite Violinkonzert von Sofia Gubaidulina, das in Luzern zur Uraufführung gelangte. ’In tempus praesens' betitelte die russische Komponistin ihr Werk, das ganz im Jetzt sein will, statt Vergangenheit und Zukunft gegeneinander auszuspielen. Doch in ihrer Komposition stehen einer sehr melodiösen Solo-Violine futuristisch anmutende Orthesterklange gegenüber wie das Vorgestern dem Übermorgen und versinnbildlichen gerade jenen Taumel zwischen den Zeiten, der das Jetzt auszumachen scheint.“ (Basler Zeitung, 1.9.07)

„Im Zentrum des Interesses aber stand am Donnerstag die Uraufführung von ‚In tempus praesens’, dem zweiten Violinkonzert von Sofia Gubaidulina mit Anne-Sophie Mutter als Solistin. Die Namensverwandtschaft inspirierte die tatarische Komponistin, der Sologeige die allegorische Gestalt der Sophia, der göttlichen Weisheit und schöpferischen Kraft, zu verleihen. Sonst gibt es nur tiefe Streicher, meistens schwebt die Solistin in stratosphärischen Höhen, unbehelligt von den Stürmen des tiefen Blechs unter ihr. Wie immer ist Gubaidulina enorm dramatisch in ihren Aussagen, sucht die klanglichen Gegensatze und manchmal Extreme, kann aber auch witzig und neckisch sein. Und Mutter mit glühendem Ton und geigerischer Souplesse, Rattle und die Berliner mit Wachheit und kluger Gestaltung legten sich wirklich mit all ihrem Können ins Zeug.“

(REINMA WAGNER, SDA Berner Zeitung, 3.9.07)

„Mit suchender, fast flehentlicher Geste schraubt sich zu Beginn die Sologeige in die Höhe. Schließlich fällt das Orchester mit flirrend silbrig glänzenden Klängen ein. Der Gestus des Suchens bleibt während des gesamten Stücks erhalten. Sofia Gubaidulinas zweites Violinkonzert ist zweifellos ein Werk der Suche, der Suche nach Wahrheit und Schönheit. Verzweifelt schön klingt denn auch oft die Solovioline in ihren kantilenenhaften Sequenzen. Natürlich ist das Werk auch inspiriert von der Geigerin, für die es geschrieben wurde: Anne Sophie Mutter. Wobei vor allem die Namensgleichheit von Komponistin und Solistin für Gubaidulina von Bedeutung war. Sophia ist die Göttin der Weisheit, die auch in der russischen Orthodoxie verehrt wird. Sie steht für das schöpferische Prinzip des Daseins, somit für die Kunst. ‚Beim Komponieren des Stücks hat mich diese Figur immer begleitet’, sagt Gubaidulina. Der Titel des Werks ‚In tempus praesens’ soll die Hörer zudem für das Gegenwärtige sensibilisieren, schon lange ein besonderes Anliegen Gubaidulinas. Sie kritisiert die Gegenwartslosigkeit unserer Zeit, in der das Jetzt oft nur als Übergang vom Vergangenen zum Zukünftigen angesehen wird. Gerade die Musik als absolute Gegenwartskunst erhält für die Komponistin philosophische Dimensionen. Musik ist Aufmerksamkeitskunst, sie fordert die Konzentration auf den Augenblick. Und so ist auch dieses Stück in der für Gubaidulina so bezeichnenden Verbindung aus Innerlichkeit und Expressivität in jedem Moment spannend und zieht die Aufmerksamkeit des Hörers jederzeit auf sich. Anne-Sopie Mutter lässt den Solopart in warmen Farben leuchten, vermittelt aber auch immer wieder viel von der Zerbrechlichkeit und Gefährdetheit, die in dieser Musik ebenfalls mitschwingt. Vor allem ausgedrückt durch eine gewisse Bedrohlichkeit im Orchester. Differenziert aufgefächert spielt es unter der einfühlsam präzisen Leitung von Simon Rattle. Die hellen Streicher, erste und zweite Geigen, hat Gubaidulina aus dem Stück verbannt. Dadurch entsteht eine ganz besondere Klangfarbe, die den Kontrast zur oft strahlenden Geige verstärkt. Anne-Sophie Mutter spielt das mit nobler Geste, alles andere als vordergründig, vielmehr mit geradezu meditativem Gehalt.“

(Robert Jungwirth, KlassikInfo 3.9.07)

« Pour servir celle que l'Occident ignorait jusqu'à l'arrivée de Gorbatchev et que l'Union Soviétique avait mise sur la liste noire des compositeurs fauteurs de «formalisme), un orchestre drapé de légende: le Philharmonique de Berlin avec son chef Simon Rattle. Pour donner vie à sa dernière composition, une violoniste qui n'a jamais élu domicile dans le domaine de la musique contemporaine: Aune- Sophie Mutter. Comme cadre, le somptueux KKL de Lucerne et son festival de tous les superlatifs.

Ily a vingt ans, la compositrice tatare Sofia Goubaïdoulina ne pouvait sûrement pas imaginer qu'elle allait, unjeudi soir de fin d'été, être au centre de tout ce faste. La voir monter sur la scène, habillée en garçon, la foulée large et la tête rentrée dans les épaules, empreinte d'émotion et de timidité, laisse entendre à l'assistance ce que cette ancienne collaboratrice de Chostakovitch a dû endurer. Les traces, noires, de son parcours, sont audibles sur son Concerto pour violon N°2, créé en première mondiale à Lucerne sur commande de la Fondation Paul Sacher, et spécialement conçu pour Anne-Sophie Mutter. Une oeuvre sombre, à l'orchestration raffinée et jamais opulente, à l'écriture remarquable, où le violon est au comble du lyrisme et les pupitres porteurs d'un chaos suggéré. Les Berliner et Anne-Sophie Mutter laissent sans souffle tant leur ton est juste.

(Le Temps, 1.9.07)

„Im Zentrum des Interesses stand die Uraufführung eines neuen Violinkonzerts. Die Paul-Sacher-Stiftung Basel hat es für die Geigerin Anne-Sophie Mutter bei der russisch-tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina in Auftrag gegeben. Gubaidulina, welche heute bei Hamburg lebt, hat die sowjetische Unterdrückungsherrschaft hautnah erlebt. Im Westen wurde ihre Musik erst spät bekannt, über eine denkwürdige Uraufführung an den Berliner Festwochen 1986, die ihr das Tor in den Westen öffnete. Ihre mit Vorliebe aus den tiefen Klangregionen aufsteigende Musik, deren Hang zum Mystisch-Philosophischen eine organisch wachsende Gestaltungsdynamik energisch belebt, machte Gubaidulina im Westen schnell zur internationalen Größe. Tiefer Orchesterklang. Für Anne-Sophie Mutter, die ihren Kontakt zu führenden Komponisten über den Basler Mäzen Paul Sacher bekam und mehrere bedeutende neue Violinkonzerte uraufführte, ist Gubaidulinas zweites Violinkonzert ‚In tempus praesens’ eine tongestalterische Herausforderung. Klanglich ist die solistische Violine sehr exponiert, verzichtet Gubaidulina im Orchester doch gänzlich auf die Violinen, es spielen Bratschen, Celli und Bässe in großer Besetzung. Dazu kommt vierfaches Holz und eine große Blechgruppe mit zusätzlich drei Wagner-Tuben. Die Solo-Violine wird im höchsten Register unheimlich sensibel, vielschichtig und leicht geführt, in himmlischen Gefilden eben. Mutter vermochte ihren Ton trotz dieser exponierten Lagen jeder neuen Klangfarbe im Orchester feinhörig anzuschmiegen. Und die von Simon Rattle transparent und souverän geführten Berliner Philharmoniker integrierten den solistischen Geigenton mit kammermusikalischer Agilität. Es entwickelte sich eine dialektische Spannkraft zwischen feinsten Nuancen und eruptiven Tutti, formal stringent und beseelt gespielt. Die auch anwesende Komponistin wurde samt den Interpreten mit langem, intensivem Applaus gefeiert.

(Sibylle Ehrismann, Zürichseezeitung, 1.9.07)