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Europäische Erstaufführung von Lera Auerbachs „Dialogue with Time“ in Dresden – das Interview

Die New York Times schrieb über Lera Auerbach: „Ihre Vielseitigkeit ist fast unglaublich. Sie ist eine leidenschaftliche Pianistin mit einer Menge Temperament, eine natürliche Komponistin und Interpretin, die alles um sich herum schnell auffasst und umsetzt.“ Seit einigen Jahren lebt die Russin – Auerbach wurde 1973 in Tscheljabinsk im Ural am Rande Sibiriens geboren – in New York. Ihr Werk geht indessen um die ganze Welt. Zwei Jahre lang war sie als Composer in Residence auch mit dem Musikfest Bremen verbunden, wo letzten Sommer ihr „Russisches Requiem“ zur Uraufführung gebracht wurde. Wegen eines Auftrags der japanischen Plattenfirma King Records anlässlich der Olympischen Spiele 2008 in Bejing, zu dem verschiedene Komponisten Bearbeitungen von Nationalhymnen für Klavier beisteuern sollen, arbeitet Auerbach an dem Klavierwerk „Tagores Phantasie“. Dafür hat sie sich die Indische Hymne ausgewählt, der das Gedicht „Jana Gana Mana“ von Rabindranath Tagore zu Grunde liegt.

Aus Anlass der europäischen Erstaufführung des Werkes „Dialogue with Time“ für Orchester von Lera Auerbach durch die Dresdner Philharmonie unter Leitung von Andris Nelsons am 12. April 2008 hat die Komponistin ein Interview gegeben, das in gedruckter Form in der Frühjahrsausgabe der Dresdner Philharmonischen Nachrichten erschienen ist.

Mein ganzes Leben ist ein Dialog mit der Zeit

– Lera Auerbach im Gespräch

Peters: Viele Ihrer Werke haben programmatische Titel wie etwa Ihre zweite Violinsonate „Der 11. September“ oder die „Serenade of a Melancholic Sea“. Wie wichtig sind diese außermusikalischen Bezüge zum Verständnis Ihrer Musik?

Auerbach: Viele meiner Stücke haben eigentlich gar keinen programmatischen Bezug. Nachdem ich etwas komponiert habe, denke ich oft darüber nach, wie ich ein Stück nennen oder benennen soll. Konventionelle Titel wie „Fantasie“, „Sonate“ oder „Sinfonie“ sind sicher akzeptabel, aber sie sind auch ein wenig trocken und langweilig.

Wenn ich einem Werk auf kreative Art einen Titel gebe, will ich erreichen, dass sich der Hörer in jeder Weise frei für eigene Imaginationen fühlt. Er soll aus seinen eigenen Träumen und Erinnerungen schöpfen. Die Titel sind nichts anderes als Ausgangspunkte für jede Art von Hörer-Assoziationen.

Ich bin davon überzeugt, dass es keine wirklich absolute Musik und keine wirklich absolute Kunst geben kann. Als Komponist, Dichter oder Künstler schaffe ich immer Geschichten. Selbst wenn ich Stücke anderer Komponisten spiele, mögen sie auch von Mozart oder Beethoven stammen, habe ich die unterschiedlichsten Assoziationen, und stelle immer wieder neue Bezüge zu ihrer Musik her. Das ist es doch, was Musik und Musikmachen erst spannend und zeitgemäß macht. Auf diese Art erreichen der Komponist und sein Interpret das Publikum und die Seele des Einzelnen auf individuelle Weise und schaffen eine einzigartige Brücke zu seiner ganz persönlichen Lebenserfahrung.

Das berühmteste Bild des Wegbereiters der abstrakten Kunst Kasimir Malewitsch zum Beispiel, das „Schwarze Quadrat“, steckt voller provozierender Denkanstöße und Assoziationsmöglichkeiten, genau wie das aus scheinbarem Nichts bestehende stille Stück „4’33“ von John Cage. Wenn freilich wirklich etwas Abstraktes existiert, dann würde es nicht von einem Menschen erschaffen werden können, und es könnte uns auch nicht berühren, denn es bliebe vollständig unerreichbar für unsere Vorstellung.

Vielleicht, das will ich auch zugeben, schaffe ich mit der Titelgebung bei einem neuen Werk auch gewisse Einschränkungen oder Begrenzungen, wenn ich den Hörer in seinen Vorstellungen etwa in eine bestimmte Richtung lenke. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich damit in Sachen Fantasie mehr freisetze als einenge.

Peters: „Dialogue with Time“ wurde im Februar 2007 in Chicago uraufgeführt. Was soll der Titel bedeuten?

Auerbach: „Mein ganzes Leben ist ein Dialog mit der Zeit“, habe ich 1991 in einem meiner Gedichte geschrieben. Diese Zeile wurde dann auch zum Titel meines dritten Gedichtbandes, der 1993 in Russland zur Veröffentlichung kam. Später habe ich dieses Passus auch noch mal für ein Kammermusikprogramm mit meinen Stücken und meinen Gedichten gewählt. Jetzt ist es der Titel eines meiner Orchesterwerke.

Die Zeit ist kein Fluss, und sie fließt auch nicht in eine Richtung. Passend zu den Gesetzmäßigkeiten einer in sich strukturierten Komposition kann sie eine kurze Geschichte umfassen und bezeichnen, eine Sinfonie, einen imaginären Palast oder ein ganzes Menschenleben. Jeder Anfang schließt ein Ende mit ein, und jedes Ende ist gleichzeitig wieder ein Neubeginn.

Die Zeit hat viele Gesichter. Eines dieser Gesichter ist die Uhr. Seit meiner Kindheit erschreckt mich das Laufen der Uhr. Damals, als ich klein war, malte ich mir die Zeit als ein Monster aus, das unser Leben auffrisst. Jede Sekunde ist eine Verknappung und bringt uns dem Tod näher. Das andere Gesicht der Zeit wird mit einem großen „Z“ geschrieben. Diese Form der Zeit bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. Die Bezeichnung allein kann, übrigens genau wie die Wörter Liebe, Gott oder Schicksal, unmöglich die Bedeutung umfassend ausdrücken. Es gibt keine Tür, die uns einen Zugang dazu verschafft.

Und es gibt ein „Gesicht“ der Zeit, das zu ihren Ursprüngen zurückführt. Wann begann die Zeit? Wir versuchen die Zeit seit Beginn der Menschheitsgeschichte zu berechnen, aber wir wissen nicht, wann die Zeit an sich zu laufen begann. Vielleicht wurde die zeit geboren, als das Universum entstand. Aber die Frage bleibt: Was war davor? Wenn die Zeit begonnen haben sollte, als das Universum entstand, dann bedeutet das, dass beide, die Zeit und das Universum, auch lebendige Kreaturen sind wie jeder Einzelne von uns, und damit eben auch endlich. Wenn die Zeit aber schon immer war und immer sein wird, dann besteht sie außerhalb unseres Vorstellungsvermögens. Vielleicht existiert die Zeit und mit ihr auch der Raum nur in unserem Universum. Außerhalb dessen gäbe es dann andere Formen der Wirklichkeit, aber keine Zeit und keinen Raum.

All diese philosophisch gedachten „Gesichter“ der Zeit sind nicht so abstrakt, wenn wir realisieren, dass die Zeit unsere Vergangenheit und unsere Zukunft und den gegenwärtigen Augenblick ganz real bestimmt. Sie bestimmt jeden Punkt in unserer Existenz.

Die Zeit existiert vielleicht, vielleicht tut sie es nicht. In jedem Fall ergreift sie uns. Sie macht uns das Endliche, den Tod bewusst. Der Tod lässt uns unser Leben erkennen, denn die Zeit macht uns lebendig.

In meiner ständigen Suche nach Antworten auf diese Fragen habe ich sogar einmal einem alten Rabbi die Frage gestellt: „Was ist Zeit? Wie kann jemand Zeit erschaffen? (Oh, ich weiß, dass das gleiche Segment einer Minute mal so kurz oder so lang erscheinen kann, je nachdem, in welchen Umständen wir uns ihrer bewusst werden).“ Der Rabbi überlegte eine Zeit lang und sagte dann: „Die Zeit ist eine Aktion. Der Weg, Zeit zu erschaffen, ist, sie mit Aktion, mit Handeln auszufüllen. Es ist wie mit der Beziehung zwischen dem Schlagen eines Metronoms und der Musik: derselbe Schlag kann eine Note treffen oder ganz viele. Je mehr man tut, umso mehr Zeit erschafft man sich damit.“ Ich glaube, der Rabbi hatte Recht. Genauso denke ich aber, dass es kontemplative Momente gibt, in denen ich einfach still stehe und beobachte und damit ebenfalls die Zeit fülle.

Die Zeit gemahnt uns an den Tod, an einen endlichen Punkt in unserem Leben, nach dem wir nicht mehr sein werden. Als ich jung war, nahm mich mein Kindermädchen immer mit auf den Friedhof, um „ein wenig frische Luft zu schnappen.“ Jeden Tag besuchten wir diesen Ort und trugen Sorge für das schon vorbereitete, eigene Grab meines Kindermädchens. Ja, sie hatte es schon gemietet, als ihr Mann gestorben war. Damals war ihr Name bereits in die Steinplatte graviert, die sie nun mit Blumen umlegte. Bei alldem war keine Verdüsterung spürbar, keine Traurigkeit. Es war ein Teil des Lebens, ein sehr friedvoller Teil, und für mich bedeutete es damals einen Ort zum Spielen. Russische Friedhöfe sind außerordentlich schön, sehr grün und mit einer Fülle von Vögeln, Statuen, Bäumen und Blumen. Aus diesem Grunde ging es in meinem ersten Lied, das ich im Alter von vier Jahren schrieb, auch schon um das Thema „Tod und Zeit“.

Peters: Hat sich Ihr Verhältnis zur Zeit im Laufe des Lebens verändert?

Auerbach: Die Zeit, die schreckliche Zeit, die nichtexistente Zeit wird uns nicht überwältigen. Das denke ich heute. Damals in der im Schatten liegenden frühen Kindheit lag ich des nachts mit geöffneten Augen im Bett und hörte das Ticken der Uhr. Sekunde folgte auf Sekunde, und ich war mir bewusst, dass keine von ihnen wiederkehren könne und werde, dass sie für immer in der Vergessenheit versanken.

Als ich zwölf Jahre alt war, wollte ich die Uhr anhalten oder zumindest aus dem Zimmer entfernen, denn sie schlug mitten in mein Herz. Aber langsam verlor ich die Furcht vor der Zeit. Diese Furcht ist bis heute nicht wirklich verschwunden, sie ist mir aber irgendwie davongeschlüpft.

Jeder Tag bedeutete für mich auf einmal, gegen die Zeit anzutreten, und jeder erfolgreiche Tag war eine Art wiedergewonnenes Terrain, eine Art Aufschub, um einen neuen Tag nach einer Atempause noch intensiver zu beginnen.

Leben bedeutet, herauszuschwimmen, obwohl einen der Sog eines imaginären Whirlpools unablässig zurückreißt. Ich habe mich mit dem Thema in meinen Gedichten und Epitaphen unablässig beschäftigt. Der Apfel der Weisheit ist von niemandem gepflückt worden. Von wem auch? Und das Ticken der Uhr ist nichts anderes als ein leeres Knick-knack an der Wand. Unheilbare Krankheiten werden in die Traumwelt transformiert, und die Träume fließen in den Tag hinein und die Tage bringen wieder neue Krankheiten. Die Welt ist weise und klar. Sie ist nur durch Traumvisionen und Fantasien umwuchert wie von Algen.

Meine Lehrer - und ich hatte wunderbare Lehrer - haben mir viel davon erzählt, wie die Welt organisiert ist und wie sie funktioniert. Dennoch unterschied sich das sehr von meinen späteren eigenen Erfahrungen und dem, was ich darüber in Büchern gefunden habe. Alles wirbelt darin durcheinander: die Sterne, das Laub der Bäume, die Gerüche und die abertausend Ereignisse aus der Vergangenheit.

Peters: Irgendwie haben Sie eine enge Beziehung zu dem Wort „Dialog“. Ich denke da zum Beispiel auch an Ihr Werk „Dialogues in Stabat Mater“ . Welche Art von Dialog haben wir uns bei „Dialogue with Time“ vorzustellen?

Auerbach: Der Dialog ist ein Versuch zu kommunizieren. Für einen Dichter, einen Komponisten oder alle anderen Arten von schaffender Persönlichkeiten ist der Akt des Schreibens eine Form des Dialogs, ausgenommen er erscheint ausdrücklich als ein einsamer Monolog. Das Schreiben ist normalerweise eine einsame Beschäftigung. Aber jeder ehrliche Monolog wie bei einem Gebet ist der Versuch, in Form eines Dialoges zu kommunizieren, egal ob ich mit Gott spreche, einem Zuhörer im Publikum, einem künftigen Rezipienten oder meinem eigenen Alter Ego.

In diesem speziellen Fall meine ich einen Dialog zwischen dem Material, das kalt und fest klingt (was sich übrigens in dem oft wiederholten Ton „G“ zu Beginn ausdrückt) und dem melodischen Material, das Wärme ausstrahlt und nach Befreiung sucht. Das Werk hat eine tragische Komponente, indem es die These thematisiert, dass wirkliche Befreiung im Leben nur durch den Tod möglich wird oder durch die Kunst. Aber das ist eine andere Art von Unsterblichkeit.

Peters: Musik und Dichtung, eine Live-Aufführung Ihrer Musik und ein davon betroffene Publikum. Meinen Sie diesen Bezug ebenfalls mit „Dialog“?

Auerbach: Jedes Ding in diesem Leben kann als ein Dialog betrachtet werden. Jedes Wesen greift ein anderes lebendiges Wesen an, manchmal ohne dass dieses es selber bemerkt. Alle menschlichen Aktionen sind Versuche zu kommunizieren, sich auszutauschen und mitzuteilen. Und selbst in unseren einsamsten Stunden sind wir niemals allein, auch wenn es manchmal so scheinen mag.

Peters: Ihr Stück „Dialogue with Time“ wurde im vergangenen Jahr uraufgeführt, geschrieben wurde es aber schon im Jahr 1997. Warum ist so viel Zeit zwischen Entstehung und Uraufführung vergangen?

Auerbach: In der Tat reicht die Entstehungsgeschichte dieses Stückes noch viel weiter zurück, nämlich bis ins Jahr 1988, zwanzig Jahre also. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Eines Nachts hörte ich während des Schlafs diese Musik im Traum. Ich wachte auf und schrieb einen Entwurf sofort noch in der gleichen Nacht nieder. Es ist genau das, was Sie abgesehen von spezifischen Details der Orchestrierung jetzt in Dresden hören werden. Die Musik ähnelt überhaupt nichts, was ich zu dieser Zeit zu schreiben gewohnt war, und sie ähnelte auch nichts, was ich bis dahin gehört hatte. Es war schon eine besondere, ja mir fremd und sonderbar erscheinende Erfahrung, die Skizze zu einem vollständigen Orchesterwerk zu komplettieren. Ich hatte schon oft Musik in meinen Träumen gehört. Dies war aber das erste Mal, dass ich mich vollständig an sie erinnern konnte und in der Lage war, sie auch niederzuschreiben.

Zuerst wusste ich nicht, was ich mit der Skizze anfangen sollte. Kurz darauf wurde ich um eine Flötensonate gebeten, und ich entschied mich, die Skizze für den langsamen Satz zu verwenden. Indes, ich war nicht zufrieden damit und strich die Sonate später sogar aus meinem Werkkatalog. Tief in mir hatte ich gefühlt, dass diese Skizze größere Kräfte erfordere als eine Flöte und ein Klavier, und dass es eigentlich ein Orchester war, das ich im Traum hatte spielen hören.

So kam es, dass ich 1998, als ich einen Auftrag für ein Klavierkonzert erhielt, wieder zu dem Material griff, um es im zweiten Satz zu verwenden. Diesmal funktionierte es. Als ich dann das Klavierkonzert zur Aufführung brachte, erschien es mir, dass dieser Satz auch als selbständiges Orchesterstück existieren könnte. Dies, so dachte ich, stünde dem Geist der Ursprungsskizze am allernächsten. Als ich dann im vergangenen Jahr nach einem kurzen Orchesterstück für ein Konzert in Chicago gefragt wurde, war mir sofort klar, dass das nun die Gelegenheit hierfür sein würde.

Peters: Sie selbst sind eine Poetin, eine Komponistin und eine Pianistin, die auch ihre eigenen Werke spielt, in Personalunion. Wird es schwierig für Sie ein, die Interpretation von Andris Nelson in Dresden zu akzeptieren?

Auerbach: Für mich gibt es nichts Spannenderes als verschiedene Interpretationen meiner Musik zu hören. Nur wenn ein Stück häufige Male von verschiedensten Interpreten, Dirigenten und Orchestern gespielt wird, hat es eine Chance, ins Standardrepertoire aufgenommen zu werden. Wenn eine Partitur abgeschlossen ist, gehört sie sozusagen nicht mehr mir. Genau wie Eltern ihr Kind nicht besitzen können, stattdessen ihm den Weg weisen sollten, so muss ein Komponist seine Partitur auch gehen lassen. Es ist dann, als ob das Werk eine eigene Seele erhält und ein eigenes, von mir unabhängiges Leben beginnt. Und das macht mich glücklich.

Ich liebe es, meine Stücke selbst aufzuführen. Ich versuche dabei immer noch mal Kleinigkeiten abzuändern und zu verbessern, solange ich fühle, dass sie noch meine Hilfe benötigen. Aber wenn sich ein Stück von mir löst, fühle ich mich erfüllt.

Peters: Haben Sie, nachdem das Symphony Orchestra of the Chicago Centre for the Performing Arts Ihr Stück “Diaogue with Time” zur Uraufführung gebracht hat, noch Änderungen an der Partitur vorgenommen?

Auerbach: Nein. Ich muss auch sagen, dass ich damals bei der Uraufführung auch gar nicht zugegen sein konnte. In Dresden werde ich mein Stück nun zum ersten Mal hören und die Arbeit des Orchesters daran erleben. Für mich ist die Aufführung der Dresdner Philharmonie sozusagen meine persönliche Uraufführung.

Peters: Haben Sie die Dresdner Philharmonie schon einmal in anderen Konzerten erleben dürfen?

Auerbach: Dies ist in der Tat meine erste Zusammenarbeit mit dem Orchester sowohl als Pianist als auch als Komponist. Und außerdem besuche ich die Stadt Dresden zum ersten Mal in meinem Leben. Ich hoffe, das ist der Beginn für eine innige Beziehung.

Peters: In diesem Konzert werden Sie ja auch Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll selbst spielen. Gehört dieses Konzert zu ihren Favoriten in der Reihe der Mozart-Konzerte?

Auerbach: Ja. Ich denke, es ist eines der kraftvollsten Konzerte, die Mozart je für ein Instrument geschrieben hat. In vielfacher Hinsicht wirft es auch die Schatten des Requiems voraus. Und die Wahl der Tonart d-Moll ist ganz gewiss nicht zufällig. Mozart hat ein spezielles Pedal-Piano für die Aufführung dieses Konzerts benutzt, als er spürte, dass die normalen Instrumente seiner Zeit ihm nicht das Volumen boten, das er sich für diese Musik vorgestellte hatte. Ich wünschte, er könnte heute einen modernen Steinway-Flügel hören. Er wäre hingerissen!

Peters: Wir kennen sehr viele unterschiedliche Interpretationsansätze in Bezug auf die Klavierkonzerte von Mozart: Mitsuko Uchidas sehr transparenter Mozart-Klang oder Murray Perahias kräftigen Mozart auf der anderen Seite. Welche Haltung haben Sie gegenüber dieser Musik?

Auerbach: Die Interpretation kann transparent oder stark oder beides gleichzeitig sein, das Wichtigste ist, das Wesen jedes einzelnen Werkes zu erfassen. Das D-Moll-Konzert ist eines der persönlichsten Werke von Mozart, ein Stück, das Einblick in sein tiefstes Inneres gewährt, seine Furcht vor dem Tod vielleicht und seine inneren Kämpfe. Es ist eines der leidenschaftlichsten, tragischsten und kraftvollsten Werke, die er jemals geschrieben hat. Man kann über Stil und Interpretation wohl diskutieren, aber am Ende ist jeder stilistische Ansatz nutzlos, wenn man die Seele und den Ausdruck eines Stückes nicht begriffen hat.

Peters: Sie selbst haben die Kadenzen zu diesem Mozart-Konzert geschrieben. Handelt es sich dabei mehr um Musik von Auerbach oder wirklich um Kadenzen zu einem Konzert von Mozart?

Auerbach: Sie repräsentieren vielmehr mein Verhältnis zu Mozarts Konzert. Meine Aufgabe war es, das Mozart-Konzert mit dem Blick unserer Zeit zu relativieren und seine obligatorische tragische Komponente organisch damit zu verbinden.

Bei der Kadenz für den ersten Satz nutzte ich die unruhigen Synkopen im Orchester und die grollende Basslinie. Sie entwickelt sich dann wie eine Traumsequenz.

Der zweite Satz ist rätselhaft und schön zugleich. Bei dieser Musik fühle ich mich immer an das letzte Familienporträt und Mozarts Antlitz von Johann Nepomuk della Croce erinnert: das zarte Lächeln auf den Lippen, die traurigen und besorgten Augen. Ich hielt es für wichtig, das Thema des zweiten Satzes noch einmal in der Kadenz zum letzten Satz aufzunehmen. Völlig frappierend ist es ja, wie Mozart dieses „Requiem für Klavier und Orchester“ beendet. Nach der Kadenz und einer unendlich langen Pause schwenkt er plötzlich zu strahlendstem D-Dur über.

Peters: An diesem Abend werden Andris Nelson und die Dresdner Philharmonie außerdem noch Dmitri Schostakowitschs 6. Sinfonie spielen. Sie haben ein besonders enges Verhältnis zu diesem Komponisten. Hat er Ihr Werk beeinflusst?

Auerbach: Das Leben ist hart, aber es hat seine wunderbaren Augenblicke. Genauso ist Schostakowitsch.