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Hamburger Erstaufführung von Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 9

Das Abschiedskonzert des scheidenden Chefdirigenten der Hamburger Symphoniker, Andrey Boreyko, am 15. Juni 2008 in der Hamburger Laeiszhalle steht unter einem besonderen Stern. Nach diesem Ereignis übergibt der russische Dirigent die Leitung des Hamburger Traditionsorchesters, das sich während seiner Amtszeit ganz außerordentlich entwickelt hat, an den Briten Jeffrey Tate. Das Konzert ist zudem dem 100jährigen Jubiläum der Hamburger Laeiszhalle gewidmet.

Im Zentrum des Konzerts steht die Hamburger Erstaufführung der Sinfonie Nr. 9 von Alfred Schnittke, die in einer aus einem handschriftlichen Partiturentwurf Schnittkes rekonstruierten Fassung von Alexander Raskatov erst im vergangenen Jahr in Dresden zur Uraufführung gelangt ist. Damals gab Raskatov ein Interview über seine Arbeit, das in Auszügen an dieser Stelle noch einmal zitiert werden soll. Bevor Raskatov die Arbeit übernahm, hatten bereits Gennadi Roschdestwenski und Nikolai Korndorf Versuche dieser Art unternommen, die aber keinen Bestand hatten oder nicht vollendet wurden.

Warum hat sich Gennadi Roschdestwenski mit seinem Versuch einer Bearbeitung noch zu Lebzeiten Schnittkes nicht durchsetzen können?

Raskatov: Es sind drei vom Autor fertig geschriebene Sätze einer Sinfonie. Zum Kernpunkt: man hätte die Frage nicht an mich richten sollen, sondern direkt an Gennadi Roschdestwenski.

Welche Eigenarten hat Schnittke in späten Jahren und speziell in diesem Werk entwickelt? Kann man von einem Spätstil sprechen?

Raskatov: Ich weiß, dass Alfred Schnittke selber seine 9. Sinfonie für ein abseits dastehendes Werk hielt, das keine Ähnlichkeit mit auch nur einer der vorherigen Sinfonien hat. Wie sich Irina Schnittke ausdrückte, hatte er diese Sinfonie gleichsam „zu seinem Abgang“ geschrieben. Ohnehin zeichnen sich die späten Werke des Komponisten durch eine ganz besondere Askese aus, durch das Fehlen äußerlicher Effekte, ich würde sagen, sie weisen einen eigenen strengen Stil auf. Diese Sparsamkeit der Mittel erinnert in gewisser Weise an den späten Schostakowitsch.

In welchem Zustand befand sich das autographe Material der 9. Sinfonie?

Raskatov: Das autographe Material stellt drei fertig geschriebene Sätze der Partitur dar. Es sind 53 mit winziger Schrift beschriebene Seiten. Ein ungleichmäßiges Schriftbild, das auf den ersten Blick unleserlich scheint. Hatte doch der Komponist mit der linken Hand geschrieben, was ihm unsägliche Mühe bereitete. Und genau darin bestand meine Aufgabe: den Urtext wieder herzustellen mit einem Höchstmaß an Behutsamkeit und Respekt vor dem Original, ohne selbst etwas hinzuzukomponieren und ohne den Komponisten „verbessern“ zu wollen.

Ich machte mich, mit einer Speziallupe bewaffnet, an die Arbeit, beschäftigte mich lange mit unklaren Stellen, um sie zu analysieren. (Mitunter nahmen die Analyse und das Entschlüsseln einer einzigen Textpassage viele Stunden in Anspruch.) Mein Wissen um Schnittkes „musikalischen Kosmos“ und meine Huld davor hielten mich in komplizierten Fällen davon ab, Lösungen herbeizuführen, die a priori gar nicht hätten existieren können.

Wie hat sich Ihre Beziehung zum Werk Schnittkes aufgebaut?

Raskatov: Meine Beziehung zur 9. Sinfonie kann nicht getrennt von meiner Beziehung zu Schnittkes Musik generell betrachtet werden. Und diese meine Beziehung währt bereits länger als 30 Jahre.

Was die letzte Sinfonie betrifft, so hat dieses „zum Abgang“ verfasste Manuskript auf mich – auch rein visuell – einen überaus starken Eindruck ausgeübt. Es war gleichsam eine Stimme aus dem Jenseits; die Seiten – ich spürte es – strahlten eine höchst signifikante Energie aus, sodass ich mich längere Zeit sogar fürchtete, mich extrem lange damit zu beschäftigen.

Gleichzeitig wuchs in mir die Erkenntnis: Der letzte musikalische Wille des Komponisten Alfred Schnittke muss hörbar gemacht werden.

Wagen Sie eine Spekulation, inwieweit die drei Schlaganfälle, die Schnitte in seinen späten Jahren erlitten hat, seine Musik beeinflusst haben?

Raskatov: Schließt der Herr eine Tür, öffnet er nicht selten eine andere. Nach dem ersten Schlaganfall sind beispielsweise das Bratschenkonzert und das erste Violoncellokonzert sowie die Ballettmusik „Peer Gynt“ entstanden. Nach dem zweiten Schlaganfall war es die 8. Sinfonie. Aber auch der große Händel hatte mehrere Schlaganfälle überstanden! Haben wir es möglicherweise mit einem Phänomen zu tun, wobei eine schwere Krankheit die Tür in eine andere, eine parallele Welt öffnet, durch die ein Gesunder nicht hindurch zu gehen vermag?

Konzert der Hamburger Symphoniker zum 100jährigen Jubiläum der Laeiszhalle

15. Juni 2008 um 19.00 Uhr

Sebastian Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 645

Alfred Schnittke: Sinfonie Nr. 9 (Hamburger Erstaufführung)

Gustav Mahler: Adagio aus Sinfonie Nr. 1

Johannes Brahms: Nänie op. 82

Carl-Philip-Emanuel-Bach-Chor, Hamburger Symphoniker, Andrey Boreyko (Ltg.)