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Sofia Gubaidulinas „Glorious Percussion“ für Schlagzeugensemble und Orchester – Beitrag in den Dresdener Philharmonischen Blättern

Anlässlich der Deutschen Erstaufführung von Sofia Gubaidulinas „Glorious Percussion“, Konzert für Schlagzeugensemble und Orchester, am 4./5. Oktober durch die Dresdener Philharmonie und das Schlagzeugensemble Anders Loguin und Kollegen in Dresden, hat die Dresdner Philharmonie in ihren Philharmonischen Blättern ein umfangreiches Porträt der Komponistin veröffentlicht. Hier einige Auszüge:

„Sie ist die Grande Dame der neuen Musik, die bedeutendste russische Komponistin der Gegenwart und – ein nachdenklicher Mensch, dessen geistiger Horizont nicht jenseits der Musik endet: Sofia Gubaidulina. Vielleicht ist dieses Interesse an der Welt, den Menschen, dem Spirituellen das Geheimnis für die unmittelbare Wirkung ihrer Musik. Ihre Werke ‚leuchten’, sind emotional, berühren bei der ersten Begegnung und sind dabei alles andere als oberflächlich. Sie ist ernst auf der Suche nach ‚dem Geistigen’, hat aber verstanden, dass es häufig der Witz ist, der zur Erleuchtung führt – vielleicht ein zutiefst russischer Charakterzug. So ist ihre Musik bisweilen auch spielerisch, komisch, grotesk, nie jedoch modisch im Sinne einer plakativen Selbstdarstellung. Ihr geht es stets um ‚das Ganze’, um die elementare, das menschliche Dasein verändernde Kraft der Musik. (...)

Instrumente, ganz viele Instrumente. Das ist es, was einem in ihrem Zuhause als erstes auffällt. Die Musik – und das, womit man sie macht – ist das Wichtigste in ihrem Leben. Kein Sessel, kein Schrank – eine Sitar aus Tokio war einer der ersten Gegenstände in dem von einem kleinen Garten umgebenen Haus in dem Ort Appen nordwestlich von Hamburg, in dem Sofia Gubaidulina 1992 ein neues Heim fand. Wer die Komponistin heute besucht, wird neben dem Steinway-Flügel, den ihr Mstislaw Rostropowitsch kurz nach seinem ersten Besuch vermittelte, eine Vielzahl von Instrumenten finden, die Gubaidulina während ihrer vielen Reisen vor allem in Asien gesammelt hat. Gleichgültig, welches Instrument sie in den Händen halte, aus welcher Kultur es stamme, erzählte der 2007 verstorbene Cellist und Freund, die Neugier Gubaidulinas an besonderen, ungewohnten Klängen und Farben sei einfach unstillbar. Ihr Interesse geht soweit, dass sie es kaum bei oberflächlichem Kennenlernen und Ausprobieren belässt. Als sie einmal zu einem von Toru Takemitsu und Swjatoslaw Richter veranstalteten Festival nach Japan gereist war und um ein Werk für das Volksinstrument Koto gebeten wurde, sagte sie nicht sofort zu, sondern – nahm erst einmal Unterricht bei einem Meister dieses Instrumentes. (...)

Die Beschäftigung mit Schlagzeuginstrumenten hat eine lange Tradition bei Sofia Gubaidulina, sowohl in ihrer Funktion als ausübende Komponistin als auch in Bezug auf ihre Improvisationen, wobei die jeweiligen Kombinationen mit anderen Instrumenten von ausgesuchter Raffinesse sind. So schrieb sie beispielsweise die ‚Fünf Studien’ für Harfe, Kontrabass und Schlagzeug (1965), ‚Stunde der Seele’ für großes Orchester, Solo-Schlagzeug und Mezzosopran (1974), ‚In Erwartung’ für Saxophonquartett und sechs Schlagzeuger oder ‚Descensio’ für drei Posaunen, drei Schlagzeuger, Harfe, Cembalo/Celesta und Celesta/Klavier. Auch vor Collagen und Fremdzitaten schreckt Sofia Gubaidulina nicht zurück. So gibt es z. B. in ihrem Werk ‚Stunde der Seele’ für großes Orchester, Solo-Schlagzeug und Mezzosopran (1974) einen Abschnitt, in dem sie Musik aus sowjetischen Kinofilmen und eine Chaplin-Melodie verwendet, Trink- und Straßenlieder blitzen auf, die Signalmusik der sowjetischen Wochenschauen der 30er und 40er Jahre mit ihren Fanfaren klingt an – das Einbrechen des Alltäglichen, im Sinne einer hektisch-betriebsamen Oberflächlichkeit, in die Innenwelt des Individuums.

Eines ihrer Schlagzeugwerke trägt den bezeichnenden Titel ‚Im Anfang war der Rhythmus’. Den Rhythmus als Säule ihres musikalischen Denkens hat Sofia Gubaidulina in ihren theoretischen Schriften immer wieder herausgestellt. Anfang der 90er Jahre schrieb sie an die Musikwissenschaftlerin Olga Bugrowa: ‚Als ich darüber nachdachte, welcher der drei grundlegenden Aspekte des musikalischen Gewebes im sonoristischen Raum die Wurzeln bilden könnte, begriff ich, dass es der Rhythmus ist. Harmonik und Klangmaterial bilden den Stamm und die melodische Linie befindet sich in den Blättern. Denn unter den Bedingungen des Sonoristischen kann die Melodie nicht mehr wie früher der Entfaltung des Materials dienen. Sie muss vielmehr als die Transformation des Materials selbst erscheinen.’

Man darf also gespannt sein, wie sich Sofia Gubaidulina nach ihren so zahlreichen Experimenten im Bereich des Perkussiven und nach derart vielen Kompositionen für und mit Schlagzeugensembles nun in ihrem neuesten Werk mit diesen Themen auseinandersetzt. Als diese Ausgabe der „Philharmonischen Blätter“ gedruckt wurde, war das neue Werk noch im Entstehen. Fünf Perkussionisten jedenfalls – so viel hat die Komponistin immerhin verraten – sollen das reiche Schlagwerkinstrumentarium des Konzerts für Schlagzeugensemble und Orchester bedienen.

‚Zwei Besonderheiten unterscheiden dieses Werk’, so sagt Gubaidulina, ‚unterscheiden dieses Werk von meinen vorhergehenden Arbeiten. Das zentrale Thema ist hier die Übereinstimmung der klingenden Intervalle mit ihren Differenztönen. Daraus ergibt sich dann auch die Gliederung der Form: Dreimal kommt die Klangbewegung zum Stillstand. Und vor diesem statischen Hintergrund bleibt nur die Pulsation zurück, welche die Intervalle des vorhergehenden Akkordes verursacht haben. Solche Episoden treten an bestimmten Formstellen auf und unterwerfen die Form damit der Gesetzmäßigkeit des Goldenen Schnitts. Die fünf Solo-Schlagzeuger haben in diesem Werk sieben Episoden, in denen sie vor das Orchester treten und ohne festgelegten Notentext improvisieren. Dies ist gleichsam eine Reminiszenz an eine Aufführungspraxis aus einer Zeit, als lediglich eine mündliche Kultur existierte.“

Sa 4. Oktober 2008 | 19.30 Uhr | B1

So 5. Oktober 2008 | 19.30 Uhr | B2

Festsaal im Kulturpalast

Sofia Gubaidulina

„Glorious Percussion“. Konzert für Schlagzeugensemble und Orchester

DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

Ein Kompositionsauftrag der Dresdner Philharmonie, der Göteborger Symphoniker, des Luzerner Sinfonieorchesters, des Philharmonischen Orchesters Bergen und des Ensembles Anders Loguin und Kollegen

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47

John Axelrod | Dirigent

Anders Loguin und Kollegen, Schlagzeugensemble

Künstler im Gespräch – Sofia Gubaidulina

Fr 3. Oktober 2008 | 19:30

Studiotheater im Kulturpalast (Eingang Schlossstraße)