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DVD-Mitschnitt von Modest Mussorgskis Oper „Chowanschtschina” aus Barcelona

Das Gran Teatro del Liceu Barcelona hat Modest Mussorgskis Oper >Chowanschtschina< in der Orchestrierung von Dmitri Schostakowitsch zu einer vielbeachteten Neuinszenierung gebracht. Das Label Opus Arte hat die Produktion im vergangenen Jahr live mitgeschnitten und nun auf zwei DVDs veröffentlicht (Opus Arte 0989). In der Fachzeitschrift OPERNWELT (September/Oktober 2008) schreibt Boris Kehrmann dazu:

"Auch wenn Mussorgsky seine >Chowanschtschina< weder instrumentieren noch beenden konnte (das Finale des 2. Bildes und der Schlusschor fehlen): Ein zusammenhangloser Bilderbogen aus Versatzstücken russischer Geschichte, wie oft behauptet, ist diese dicht gefügte, aber mit Shakespeare´-scher Personenvielfalt gesegnete Tragödie über den Putsch und Fall der Fürsten Chowanski im 17. Jahrhundert (nichts anderes bedeutet der Titel) nicht. Vier Parteien ziehen am selben Strang, wenn auch in unterschiedliche Richtungen: die Altgläubigen, die unter ihrem Führer Dossifej Widerstand gegen die Verstaatlichung des Glaubens in einer zaristischen Zentralkirche leisten; ihr konservativer Sympathisant Iwan Chowanski, der mit seiner Schlägermiliz der wachsenden Zentralgewalt der Romanows Einhalt zu gebieten versucht und sich, gestützt auf reaktionäre Kräfte, Hoffnungen auf den Thron macht; der prowestliche, proreformerische Minister Golyzin, der im Zweifelsfall bereit ist, sich auf die siegreiche Seite zu schlagen; schließlich der von keinerlei Skrupeln oder Ideen behinderte Aufsteiger Schaklowitij, der sich nicht öffentlich exponiert, sondern durch Denunziationen aus dem Hinterhalt das Zarentum benutzt, um die Rivalen auszuschalten. (...)

Stein Winge sorgt in seiner in Barcelona aufgezeichneten und jetzt auf DVD erschienenen spanisch-belgischen Koproduktion (siehe OW 3/96) dafür, dass alle Protagonisten dieses die ganze Gesellschaft erfassenden Machtkampfes unsympathisch wirken. (...) macht Michael Boder am Pult des Liceu-Orchesters deutlich, dass neben den schroff hingeklotzten Akkorden und Linien, die Dmitri Schostakowitsch in seiner Bearbeitung des Klavierauszugs kontrapunktisch abgemildert hat (man muss sich im Vergleich nur Mussorgskys bis tief ins 20. Jahrhundert missverstandene Originalinstrumentation des >Boris< anhören, um zu verstehen, wie das eigentlich gemeint war), auch lyrische Hoffnungsschimmer aufblühen. Bezeichnenderweise kommt menschliche Wärme immer erst dann zum Vorschein, wenn die Akteure am Ende sind. Anders als die vollsaftige, überlebensgroße Referenz-Produktion der Wiener Staatsoper unter Claudio Abbado in der mit historischen Kostümen operierenden Alfred Kirchner-Inszenierung (als DVD bei Arthaus Musik erhältlich), ist die Boder-Winge-Produktion sachlicher. Man wird nicht erschlagen von der mythischen Wucht gewaltiger Stimmen und eines Riesenorchesters und hält Musik wie Geschichte darum kühler im Blick. Was Erschütterung nicht ausschließt. (...)