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„Tröstend und entrückt“ – Alfred Schnittkes erstes Cellokonzert in Hamburg

Am 14. und 15. September brachten der Cellist und ehemalige enge Freund des Komponisten Alfred Schnittke, David Geringas, und das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Christoph von Dohnányi das Konzert Nr. 1 für Violoncello und Orchester in der Hamburger Laeiszhalle zur Aufführung. Vor zehn Jahren war Alfred Schnittke in seiner Wahlheimat Hamburg verstorben. Das NDR-Konzert ist Teil einer Serie von Hommage-Veranstaltungen, zu denen auch ein kleines Schnittke-Festival an der Musikhochschule Hamburg gehören wird.

Die Tageszeitung DIE WELT kommentierte das NDR-Konzert mit folgenden Worten:

„Der Filmregisseur Volker Schlöndorff war schnell entschlossen, als er nach der passenden Musik für seinen 2004 veröffentlichten und mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Film „Der Neunte Tag“ suchte und auf Alfred Schnittkes erstes Cellokonzert stieß. Er brauchte eine Musik, die die inneren Kämpfe eines Menschen widerspiegelt, die verzweifelt, aggressiv, tröstend, entrückt und zerrissen zugleich ist. Eine Musik, die das fiktive Drama um den katholischen Priester Abbé Kremer illustrieren konnte, der seine Flucht vor den Nationalsozialisten mit dem Tod eines im KZ inhaftierten Kollegen hätte bezahlen müssen, wenn er nach gewährter Frist eines Freigangs nicht mutig ins Lager zurückgekehrt wäre. Manch ein Besucher des ersten Abonnementkonzerts vom NDR Sinfonieorchester am Montag in der Musikhalle dachte vielleicht an diesen Film, als der 62jährige litauische Cellist David Geringas das erste Cellokonzert zu Ehren seines vor zehn Jahren in Hamburg verstorbenen Freundes Alfred Schnittke spielte. Dabei brauchte man gar keine Bilder, um das Verstörende ebenso wie das Versöhnende von Schnittkes ergreifender musikalischer Sprache auf Anhieb zu verstehen.

Wie oft Geringas das erste Cellokonzert schon gespielt und sein fragiles Klangkorsett gedanklich zerlegt und in glutvollen Tönen wieder zusammengesetzt hatte, spürte man bei jeder Phrase. Klar formte er die schlichte motivische Geste zu Beginn des Pesante, die sich fortan verselbständigt und scheinbar unkontrolliert durch den Klangraum des Orchesters schwebte. Hinreißend entwickelte er die gewaltigen Steigerungen im Moderato, das plateauartige Schichten von Klangflächen und die sich immer höher schraubenden Tonsäulen, die wirkten, als gelte es immer stärkere Widerstände zu überwinden. Im Vergleich zu Lesarten seiner Kollegen Natalia Gutman oder Mstislaw Rostropowitsch gab Geringas dem Werk noch mehr Wärme und Innigkeit, ja entfaltete eine Dichte bis hin zum letzten Satz Largo, in dem auf einen langen Dialog mit der Solo-Pauke mittelalterlich anmutende hymnische Doppelgriff-Partien und ein feierlich erlösendes Finale folgten. Christoph von Dohnányi und das NDR Sinfonieorchester unterstützten die straffe Textur von Geringas Anlage, nahmen sensibel das Abblenden manch eines satten orchestralen Ausbruchs wahr und kosteten den zuweilen an Messiaens Klangfarbenreichtum erinnernden Orchestersatz in vollen Zügen aus.

Schnittke hatte sein erstes Cellokonzert 1985 vor seinem ersten verheerenden Schlaganfall begonnen und unmittelbar danach vollendet. Sicher ist es richtig, in diesem Werk, das einen folgenreichen Scheidepunkt in Schnittkes Leben markiert, Spuren von Todesahnung, ein Versinken ins scheinbar Zeitlose und zahlreiche (alp-)traumartige Sequenzen zu lesen. Ebenso richtig ist aber auch, es als eine Schaffenszäsur zu sehen, in der die bisherigen kompositorischen Mittel kulminieren und sich eine Wandlung im Komponisten ganz unabhängig von den Folgen des Schlaganfalls vollzog. (...)“

(DIE WELT, 17.09.2008)