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Uraufführung: Ruzickas HÖLDERLIN in Berlin

Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden allen Friedens, der höher, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all’ unseres Strebens, wir mögen uns darüber verstehen oder nicht.

(Hölderlin, Hyperion)

Literarische Vorlagen sind etliche Male von Komponisten zum Thema ihrer Opern gemacht worden. Verdis Shakespeare-Opern „Macbeth“ oder „Othello“, Bizets „Carmen“ nach der französischen Novelle von Prosper Merimée oder Alban Bergs „Wozzeck“ nach Georg Büchner seien nur einige Beispiele. Dass nicht die literarischen Stoffe, sondern die Dichter selbst als Vorlage einer Opernhandlung herangezogen werden, kommt dagegen seltener vor.

Peter Ruzicka, der am 3. Juli dieses Jahres seinen 60. Geburtstag beging, hat bislang zwei Opern komponiert und in beiden Fällen Dichterpersönlichkeiten ins Blickfeld gerückt. Die Uraufführung seiner neuen Oper HÖLDERLIN in Berlin am 16. November steht nun bevor.

CELAN hieß Ruzickas erste Oper nach einem Libretto von Peter Mussbach, die am 25. März 2001 an der Semperoper Dresden zur Uraufführung gelangt war. Der Untertitel „Musiktheater in sieben Entwürfen“ sollte, so kommentierte der Komponist seinerzeit, auf eine offene, prozesshafte Struktur verweisen. CELAN sei keine tönende Biographie über den jüdischen Dichter Paul Celan, der in Czernowitz in der Bukowina geboren, dort die Judenverfolgung erlebte und über Bukarest, Budapest und Wien nach Paris emigrierte und – getrieben vom Schuldgefühl des Davongekommenen – in seiner Dichtung nach einer Sprache für das Unfassbare, Unvergessene des Holocaust suchte. Ruzicka war diesem außergewöhnlichen Dichter 1970 kurz vor dessen Freitod noch selbst begegnet. Das Schicksal und die Beweggründe dieses Poeten und sein einzigartiges Werk haben ihn nie losgelassen. „Paul Celan hat eine Wunde des 20. Jahrhunderts beschrieben: die geschichtliche Erschütterung durch den Holocaust und unsere gesellschaftliche Identität, die wir zu finden versuchen nach eben diesem Ereignis des 20. Jahrhunderts.“

Auch Hölderlin, der große rätselhafte Hymnendichter einer Zeit des Umbruchs, ist ein Autor, der an den Widersprüchen seiner selbst und seiner Umwelt zerbrach. Am 16. November 2008 wird Peter Ruzickas Oper HÖLDERLIN an der Staatsoper Unter den Linden Berlin ihre Uraufführung erleben. Wer war dieser Dichter, der von 1770 bis 1843 lebte, dem Denken und Dichten der Aufklärung entstammte und die Epoche der Romantik durch seine unter dem Eindruck eines intensiven Naturerlebens entstandenen Hymnen mit einer ganz individuellen Dichtung begleitete? Entscheidend für Hölderlins Lebensweg war seine Begegnung mit Friedrich Schiller im Jahr 1794. Durch Schiller erhielt der aus Lauffen am Neckar stammende und in Tübingen ein Theologiestudium absolvierende Hölderlin einen Hofmeisterposten bei Charlotte von Kalb in Weimar. 1796 trat er eine Hauslehrerstelle bei dem Frankfurter Bankier Gontard an, zu dessen Frau Susette er bald eine tiefe Zuneigung empfand. Wie kritisch Goethe und Schiller über den jungen Hölderlin urteilten, mag ein Brief Schillers an Goethe aus dem Jahr 1797 belegen. Hier heißt es:

„Ich möchte wissen, ob diese Schmidt, diese Richter, diese Hölderlins absolut und unter allen Umständen so subjektivistisch, so überspannt, so einseitig geblieben wären, ob es an etwas primitivem liegt, oder ob nur der Mangel einer ästhetischen Nahrung und Einwirkung von außen und die Opposition der empirischen Welt in der sie leben gegen ihren idealischen Hang diese unglückliche Wirkung hervorgebracht hat. Ich bin sehr geneigt das letztere zu glauben, und wenn gleich ein mächtiges und glückliches Naturell über alles siegt, so deucht mich doch, daß manches brave Talent auf diese Art verloren geht.“

Ruhelos irrte Hölderlin von einer europäischen Stadt zur anderen, war kurzzeitig als Hofmeister in St. Gallen und Bordeaux tätig und unternahm 1802 eine strapaziöse Fußwanderung von Frankreich nach Hause. In diesen Jahren verdüsterte sich sein Geisteszustand. 1807 wurde Hölderlin nach einjährigem Aufenthalt in der Tübinger Heilanstalt als unheilbar entlassen und fristete die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens unter der Obhut einer ortsansässigen Tischlerfamilie. Auch in der Abgeschiedenheit seiner Existenz im Tübinger „Hölderlinturm" entstanden noch zahlreiche Gedichte. Hölderlin starb am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Peter Ruzicka hat zu seinem neuen Musiktheater HÖLDERLIN eine Reihe von Fragen beantwortet:

Nach CELAN ist Ihre zweite Oper ebenfalls einem Dichter gewidmet. Ist das Zufall oder Programm?

Ruzicka: Bei der Premierenfeier von CELAN im April 2001 in Dresden fragte mich Giuseppe Sinopoli, mein leider viel zu früh verstorbener Freund, welches Sujet denn meine nächste Oper haben werde. Ich antwortete ganz spontan „Hölderlin“, ohne dies damals noch näher begründen zu können. Aber mir ist deutlich, dass diese beiden Dichter tatsächlich zu entscheidenden Fixierungspunkten meines Denkens geworden sind. Sie erscheinen mir wie zwei Brennpunkte einer ästhetischen Ellipse, und zwar über die Jahrhunderte hinweg.

Bei CELAN haben Sie ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in der Oper keine Stationen des Dichterlebens chronologisch aneinandergereiht werden. Verfolgen Sie bei HÖLDERLIN ein ähnliches Konzept?

Ruzicka: Ich wollte keinesfalls eine biographische Oper schreiben. Die Vorstellung eines im Tübinger Turm singenden Hölderlin hätte etwas Bizarres gehabt. Vielmehr geht es Peter Mussbach, der die textliche Grundlage geschaffen hat, und mir um die Geschichte eines Kollektivs von 13 Personen, die nach einer nicht näher definierten Katastrophe die Möglichkeit erhalten, ihr Leben ein zweites Mal anzugehen. Und Hölderlinsche Philosophie mag sich hier, in diesem zweiten Leben, wie ein gedanklicher Kompass darstellen, es geht um die ewige Sehnsucht des Menschen nach Einheit mit sich und der Natur, mit sich und der Welt.

Warum nennen Sie die Oper im Untertitel eine „Expedition“?

Ruzicka: Der Ausgangspunkt für die 13 Individuen, die zum Leben neu aufbrechen, aber auch in dieses zurückgeworfen werden, ist ein gemeinsamer. Sie erleben Szenen, die abenteuerlich und gefährlich sind, dabei bisweilen an freien Fall erinnern. Szenen, die absurd, aberwitzig und ohne Gewähr für ein gelingendes Überleben sind.

Sind der Dichter Hölderlin und sein Werk heute aktuell wie ehemals? Wird Hölderlin heute gelesen?

Ruzicka: Ich kenne keinen Dichter, dessen Bedeutung für uns heute, zu Beginn eines spirituell geprägten 21. Jahrhunderts, ähnlich aktuell und bedeutsam wäre!

Welches ist Ihrer Ansicht nach der bedeutendste Text von Hölderlin?

Ruzicka: Dieser Text steht an verborgener Stelle. Es ist das Fragment „Das Werden im Vergehen“ und handelt vom Untergang oder Übergang des „Vaterlands“.

Welche Rolle spielen im Libretto die Originaltexte Hölderlins?

Ruzicka: Ich wollte Hölderlinsche Texte in der Oper nicht wirklich dramatisieren. Es gibt aber eine Reihe von Empedokles-Fragmenten, denen an zentralen Stellen die schon angesprochene Bedeutung eines „Kompasses“ zukommt. Dazu kommt eine Reihe von fragmentarischen Texten, die überwiegend von Schauspielern als „innere Stimme“ vorgetragen werden. Ich wünsche mir, dass diese Texte vom Zuschauer wie Erkenntnisse aus dem Unterbewusstsein wahrgenommen werden.

Wie haben wir uns die Musik zu HÖLDERLIN vorzustellen? Hat sie Ähnlichkeiten mit der von CELAN?

Ruzicka: Sie hat einen anderen Grundklang, ist dunkler, wohl auch strömender, fließender. Bevor ich die Partitur der Oper begann, schrieb ich ein vorbereitendes Orchesterstück mit dem Titel VORECHO, das mittlerweile in Madrid, Berlin, Wien und Hamburg aufgeführt wurde. Mein Eindruck ist, dass der Klangraum jedenfalls tiefer, noch geweiteter ist…

In welchen Zügen unterscheiden sich Ihre Opern HÖLDERLIN und CELAN abgesehen vom Sujet ganz wesentlich?

Ruzicka: Beim CELAN-Projekt habe ich ganz auf die Einbeziehung von originalen Texten verzichtet, weil mir deren Sprache seit jeher schon durchmusikalisiert, man könnte auch sagen „komponiert“ erschien. CELAN ist eine Oper über den Holocaust und spiegelt diese größte, wohl niemals sich schließende Wunde des 20. Jahrhunderts anhand von fiktiven Lebenssituationen des Dichters. HÖLDERLIN ist hingegen eine Oper, die Fragen über unsere Gegenwart und Zukunft stellen will: Gibt es Hölderlin „in uns“?

Es kam zu einem überraschenden Wechsel des Regisseurs. Was waren die Hintergründe?

Ruzicka: Nach dem Ausscheiden von Peter Mussbach als Intendant der Staatsoper Unter den Linden musste auch ein Inszenierungsteam neu gefunden werden, was wegen des späten Zeitpunktes wenige Monate vor Probenbeginn nicht ganz einfach war. Ich freue mich, dass der Regisseur Torsten Fischer für das Projekt gewonnen werden konnte, der mit sehr viel Verständnis für die besonderen gedanklichen Dimensionen des Projektes einen Regieansatz von großer szenischer Imagination gefunden hat. Er ist von Anbeginn auf die besonderen musikalischen Parameter der Partitur eingegangen und entwickelt sein Konzept doch als eine ganz eigenständige Lesart. So werden den 13 Sängern 13 Schauspieler zur Seite gestellt, die den Hölderlinschen Gedanken einer Dichotomie von Göttern und Menschen versinnbildlichen werden. Da ich ja die Premiere dirigieren werde, freue ich mich auf eine spannende Zusammenarbeit im Sinn eines Gebens und Nehmens …