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Kent Nagano zur Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises 2017 an Sofia Gubaidulina

Der Dirigent und Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano, hielt anlässlich der Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises 2017 an Sofia Gubaidulina am 30. März 2017 in München die Laudatio. Hier der im wörtlichen Vortrag leicht erweiterte und abgeänderte Text:

„Haben Sie keine Angst, Sie selbst zu sein. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihrem eigenen falschen Weg weitergehen.“ Dies waren die Worte von Dmitri Schostakowitsch im Frühjahr 1959 an die heutige Gewinnerin des Deutschen Musikautorenpreises für ihr Lebenswerk. Und diese Worte waren so etwas wie eine Initialzündung für die junge Komponistin, eine unbedingte Ermutigung und Bestätigung ihrer bisherigen Arbeiten. Die meisten von uns würden Schostakowitschs Ratschlag zustimmen. Ja, man muss sich einfach treu bleiben. Doch die wenigsten von uns wissen, was es bedeutet, auf einem „falschen Weg“ weiterzugehen, wenn die äußeren Widerstände unüberwindbar scheinen und einem ein ungeheurer Gegenwind mitten ins Gesicht bläst. Sofia Gubaidulina kennt diesen Wind. Sie hat ihn am eigenen Leib wohl teilweise schmerzvoll erfahren.
Sofia Gubaidulina wuchs in der heutigen Republik Tatarstan im östlichen Russland auf. Als Kind der Sowjetunion genoss sie eine intensive musikalische Ausbildung mit den Schwerpunkten Klavierspiel und Komposition. Doch schon in ihrer frühen Kindheit deutete sich an, dass sie eine individuelle und sehr eigene Sicht auf die Dinge hat. So spielte sie ihr Klavier nicht nur auf konventionelle Art, sondern berührte während des Spiels auch dessen Saiten, um außergewöhnliche Klänge in die Stücke einzubauen.
Nach ihren Abschlussexamen am Moskauer Konservatorium und einem Graduierten-Studium arbeitete sie ab 1963 als eigenständige und freischaffende Komponistin. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie mit der Komposition von Filmmusiken - so vertonte sie rund 25 Dokumentar-, Trick- und Spielfilme. Doch weiterhin komponierte sie eigene künstlerische Werke – und unterlief mit diesen die vom sowjetischen Komponistenverband gesetzten Kriterien, womit sie von der Doktrin des sowjetischen Realismus abwich. Denn von Beginn an war sie eine musikalische Grenzgängerin, deren Kompositionen sich nicht in vorgegebene oder vorhandene Schemata einordnen ließen. Ihr erstes Werk, ihre „Fünf Etüden“, schrieb sie für eine außergewöhnliche und auch ungewohnte und damit zugleich auch eine neue und aufregende Instrumentierung aus Harfe, Kontrabass und Schlagzeug. Schließlich gründete sie mit dem „Komponistenlabor“ eine Gruppe, die mit ungewöhnlichen Klängen und Instrumenten improvisierte – und sogar in Jazzclubs auftrat. Konventionen scherten sie nicht. Vielmehr ging es ihr das Ausloten von musikalischen Möglichkeiten. Kurz gesagt: In ihrer Arbeit ging es immer um das Ungehörte und Unerhörte.
Dass sie sich damit nicht unbedingt Freunde machte, liegt auf der Hand. Der Generalsekretär des Komponistenverbandes bezeichnete sie schließlich offiziell als „Abweichlerin“. Repressalien und Restriktionen wie Reise- und Aufführungsverbote waren die Folge.
Doch im westlichen Ausland nahm man ihre Werke vermehrt zu Kenntnis – und führte diese, ohne dass sie anwesend sein konnte, auf. Erst im August 1984 – in der Ära Gorbatschow – durfte Sofia Gubaidulina ihre erste Auslandsreise unternehmen. Zwei Jahre später fielen ihre Reisebeschränkungen komplett, so dass sie Musikfestivals, auf denen ihre Werke aufgeführt wurden, besuchte. Ihre internationale Anerkennung war zu diesem Zeitpunkt bereits riesig. Vor 26 Jahren zog sie schließlich nach Deutschland in die Nähe Hamburgs, wo sie bis heute lebt.
Als Tochter eines Landvermessers führte sie, wenn man so will, dessen Arbeit in einem anderen Bereich mit anderen Mitteln fort. Denn Musik ist für Sofia Gubaidulina eine andere Welt, die es zu entdecken gilt und die jenseits des alltäglich Erlebten liegt. Die von ihr in ihrer Gesamtheit aufgenommene Welt bezeichnet sie selbst als Wurzeln eines Baumes, dessen Zweige und Blätter die daraus gewachsenen Werke darstellen. Ergänzen möchte man hier, dass dies ein massiver, unglaublich beeindruckender Baum mit einer wahrhaft fantastischen Baumkrone ist.
Die Größe von Sofia Gubaidulinas Kompositionen erklärt sich für mich durch ihre Vielschichtigkeit. In ihnen stecken Elemente, die düster, sinnlich, spirituell und voller Seele zugleich sind. Und das Wichtigste: Ihnen ist eine Liebe inhärent. Eine Liebe zum Guten des Menschen. Mit den von ihr kreierten Klangfarben und dem Wechselspiel zwischen Spannung und Ruhe spricht sie den gesamten inneren menschlichen Kosmos an. Das macht ihre Kompositionen zu emotional tiefgreifenden Erfahrungen. Und auch für mich als Dirigent sind die Aufführungen ihrer Werke jedes Mal neue Herausforderungen. Denn in der Auseinandersetzung mit ihren Werken ist ihre Seele spürbar. Das macht die Aufführungen zu einmaligen Erlebnissen, die mich immer wieder aufs Neue tief berühren. 
Ihr erstes Violinkonzert „Offertorium“ trug einst Gidon Kremer in die Welt – und zeigte der Welt damit, welch außergewöhnliche Komponistin sie ist. Zur Feier des 85. Geburtstags von Sofia Gubaidulina wurde mir Ende des vergangenen Jahres die Ehre zuteil, gemeinsam mit Gidon Kremer und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg ihr Violinkonzert „In tempus praesens“ aufzuführen.
Auch in dieser außergewöhnlichen Komposition verbindet sie Intellektualität mit Emotionalität. Ihre fordernden Kompositionen waren und sind dabei Ausdruck ihres kritischen Geistes, den sie bis heute beibehalten hat.
Zweifelsohne ist Sofia Gubaidulina eine Jahrhundertkünstlerin.
Sie ist ihren Weg gegangen, den „falschen“, was sich zum Glück für uns alle als die „richtige“ Entscheidung erwiesen hat.
Zahlreiche Preise - wie etwa den Europäischen Kulturpreis, den Russischen Staatspreis oder das große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – durfte sie schon entgegennehmen. Heute kommt eine ganz besondere Auszeichnung hinzu.
Liebe Sofia Gubaidulina, ich gratuliere von ganzem Herzen zum Lebenswerkpreis des Deutschen Musikautorenpreises.
(Kent Nagano, 2017)

 

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