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Der große Este – Arvo Pärt wird 80

Am 11. September 2015 begeht der große estnische Komponist Arvo Pärt seinen 80. Geburtstag. Geboren wurde Pärt am 11. September 1935 in Paide, Estland. 1956 begann er, Klavier- und Musiktheorieunterricht an der Musikschule von Tallinn zu nehmen und wechselte zwei Jahre später an das dortige Konservatorium, wo er 1963 in der Klasse von Heino Eller das Kompositionsstudium abschloss. Unter dem Eindruck seiner Tätigkeit als Tonmeister beim Estnischen Rundfunk (von 1957 bis 1967) und der damit einhergehenden Beschäftigung mit neuen Strömungen in der Musik bediente sich Pärt nach ersten kompositorischen Versuchen im Stile Schostakowitschs und Prokofjews zunächst der Zwölftontechnik und des Serialismus. Ein Beispiel hierfür ist das Luigi Nono gewidmete „Perpetuum mobile“ für Orchester (op. 10) aus dem Jahre 1963, das auf einer Zwölftonreihe beruht und in sich eine einzige Steigerung darstellt, bei der die Instrumente jeweils eine Repetition einzelner Töne in einer gleich bleibenden Geschwindigkeit spielen. Dieses Werk machte Pärt durch erfolgreiche Aufführungen auf verschiedenen internationalen Festivals für Neue Musik auch außerhalb der Sowjetunion bekannt.

Aus dem Jahr 1964 stammt die berühmte und oft gespielte „Collage über B-A-C-H“ für Streicher, Oboe, Cembalo und Klavier, in der sich Pärt der von Alfred Schnittke später mitgetragenen Polystilistik zuwandte. In dieser Kompositionstechnik wird mit Zitaten, Quasi-Zitaten (stilistischen Anleihen) und Collagetechniken gearbeitet, sodass im Hörerlebnis Brücken zwischen ursprünglich möglicherweise historisch weit Auseinanderliegendem geschlagen werden können. So kombiniert Pärt barock anmutende Passagen und Bach-Zitate mit einer Zehntonreihe und verwendet Toncluster.

Im Jahr 1966 entstand auch das Konzert für Violoncello und Orchester „Pro et contra“. Es ist eins der letzten Werke von Pärts erster Schaffensperiode, die von Zwölftonreihen, Serialismus, Aleatorik und Polystilistik geprägt war. In den Jahren 1972 bis 1976 legte Arvo Pärt eine Schaffenspause ein und beschäftigte sich viel mit mittelalterlicher Musik, vor allem mit geistlicher Musik aus dem 14. und 15. Jahrhundert. In dieser Atmosphäre veränderte sich sein Kompositionsstil auffällig: Mit einer radikalen Reduktion des Tonmaterials waren nun in Mustern strukturiert kombinierte Dreiklängs- und Skalenformen grundlegend, die an den Klang von Glocken erinnern. Aus diesem Grund hat Pärt dieser Technik den Namen „Tintinnabuli-Stil“ gegeben. „Tintinnabuli“ bedeutet im Lateinischen „Glöckchen". Mit dieser Technik soll ein Zustand „angespannter Ruhe“ erzeugt werden. Gleichzeitig kommt eine tiefe Religiosität in der Musik zum Ausdruck.

„Tintinnabuli – das ist ein erstaunlicher Vorgang – die Flucht in die freiwillige Armut: die heiligen Männer ließen all ihren Reichtum zurück und gingen in die Einöde. So möchte auch der Komponist das ganze moderne Arsenal zurücklassen und sich durch die nackte Einstimmigkeit retten, bei sich nur das Notwendigste habend – einzig und allein den Dreiklang", schrieben Hermann Danuser, Hannelore Gerlach und Jürgen Köchel in dem lesenswerten Band „Sowjetische Musik im Lichte der Perestroika“ (Laaber Verlag).

In diesem Stil komponierte Pärt 1976 auch das Werk „Trivium“ für Orgel. Das Stück beruht auf schlichten, klar greifbaren Tonfolgen, die oberflächlich an die einflussgebenden musikalischen Strukturen des Gregorianischen Chorals erinnern, anfangs anders als in der Gregorianik unterlegt mit einem Bordun, der dem Ganzen eine klare tonale Orientierung gibt; hierbei gibt es keine eigentliche Mehrstimmigkeit, lediglich Drei- und Vierklänge.

1980 zog Arvo Pärt nach Wien und zwei Jahre später nach Berlin, wo er die nächsten zwei Jahrzehnte verbrachte, bevor er vor wenigen Jahren wieder nach Tallinn zurückkehrte. Das letzte in unserem Haus verlegte Werk von Pärt ist das Concerto piccolo über B-A-C-H. Die Orchesterstimmen entsprechen der „Collage über B-A-C-H“ von 1964, bei der Arvo Pärt in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Trompeter Håkan Hardenberger die Oboe durch eine Trompetenstimme ersetzte, was dem Klang dieses fantastischen Stückes einen deutlich anderen Charakter verleiht.

Im Hamburger Abendblatt ist am 10. September 2015 der Artikel „Musik aus der Stille“ von Tom R. Schulz erschienen. Hier wird auch über die gerade erschienene CDs „Musica Selecta“ (ECM) und „The Sound of Arvo Pärt“ (Erato) berichtet. Schulz schreibt u.a.: „(...) Es muss wohl so sein, dass Pärts Musik etwas verhandelt und berührt, das den Menschen in seiner nackten Seele ergreift. Sie scheint aus einem Ursprung geschöpft, der von trennenden Dogmen und Urteilen nichts weiß. (...)“

Werke von Arvo Pärt (Auswahl)
- Collage über B-A-C-H für Streicher, Oboe, Cembalo und Klavier
- Concerto piccolo über B-A-C-H für Trompete, Streichorchester, Cembalo und Klavier
- „Perpetuum mobile“ für Orchester
- „Pro et contra”. Konzert für Violoncello und Orchester
- Sinfonien Nr. 1 und 2
- „Trivium“ für Orgel

 

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